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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (review)
      • Josenhans, Frauke V.
      Language (review)
      Deutsch
      Language (monograph)
      Deutsch
      Editor (monograph)
      • Forster, Peter
      Title
      Aus dem Neunzehnten. Von Schadow bis Schuch
      Subtitle
      Von Schadow bis Schuch
      Year of publication
      2015
      Place of publication
      Petersberg
      Publisher
      Michael Imhof Verlag
      Number of pages
      519
      ISBN
      978-3-7319-0258-4
      Subject classification
      Art History
      Time classification
      Modern age until 1900 → 19th century
      Regional classification
      Europe → Western Europe → Germany
      Subject headings
      Aufsatzsammlung
      Ausstellungskatalog
      Bestand
      Geschichte 1801-1899
      Malerei
      Museum Wiesbaden
      Sammlung
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2016/11/28407.html
      recensio.net-ID
      355aba55a146497e80360751f040603b
      DOI
      10.15463/rec.778107403
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Peter Forster (ed.): Aus dem Neunzehnten. Von Schadow bis Schuch (reviewed by Frauke V. Josenhans)

sehepunkte 16 (2016), Nr. 11

Peter Forster (Hg.): Aus dem Neunzehnten

Das 19. Jahrhundert in ein neues Licht rücken, dies war die Ambition der Ausstellung und des Katalogs Aus dem Neunzehnten: Von Schadow bis Schuch , die das Museum Wiesbaden vom November 2015 bis Mai 2016 zeigte. Anlass der Ausstellung und des dazugehörigen Katalogs war die Dauerleihgabe von über 70 Werken aus einer Privatsammlung mit dem Schwerpunkt 19. Jahrhundert. Diese Gelegenheit nutzte das Museum Wiesbaden, um seine eigene Sammlung gründlich in den Blick zu nehmen und bekannte und weniger bekannte Maler aus den Depots zu holen und ausführlich zu untersuchen.

Die Dauerleihgabe, zu der im Zuge der Vorbereitungen der Ausstellung weitere Leihgaben aus Privatbesitz kamen, erlaubt es dem Museum Wiesbaden, das lange 19. Jahrhundert nachzuzeichnen, von der französischen Revolution bis zum 1. Weltkrieg, von der Romantik über Biedermeier und Historismus bis zum Realismus und Impressionismus. Rund 50 Künstler werden im Katalog besprochen, von denen einige eine vielschichtige und hohe künstlerische Produktion aufzeigen. Neben bekannten Meistern des 19. Jahrhunderts beinhaltet der Katalog Notizen zu Malern, die lange übersehen worden sind oder, scheinbar, keine große Resonanz hatten.

Den Auftakt bildet ein Essay von einem Spezialisten des 19. Jahrhunderts. Ekkehard Mai will in seinem Beitrag das "große 19. Jahrhundert" darstellen, seine "Standorte, Künstler, Themen". Bewusst insistiert Mai gleich zu Beginn auf der Widersprüchlichkeit dieses Zeitalters, geprägt von sozialen und politischen Umwälzungen, welche nicht nur die Kunstproduktion, sondern auch das Bild des Künstlers selbst dramatisch beeinflussten. Er stellt die wesentliche Rolle der Kunstakademien und ihrer jeweiligen Direktoren dar, von Wilhelm von Schadow in Düsseldorf, Peter Cornelius und Carl von Piloty in München, bis zu Johann Wilhelm Schirmer in Karlsruhe, die das Kunstbild Deutschlands bestimmten. Deren "konservative Starrheit" führte allerdings auch zur Abkehr einiger Künstler wie Arnold Böcklin und Anselm Feuerbach vom akademischen System und zur Behauptung des Künstlers als Individuum. Dies wurde auch durch die zunehmende Bedeutung von Kunstmarkt und Ausstellungen begünstigt. Mai vollzieht ebenso den langsamen Wechsel von der dominierenden Historie zur Landschaft und von der Romantik zum Realismus nach, und er stellt das Auflösen von Gattungsgrenzen und neue maltechnische Experimente ab der Mitte des Jahrhunderts heraus.

Die zahlreichen Werknotizen sind sowohl zu Gemälden der Privatsammlung als auch zu Werken aus Beständen des Museums Wiesbaden erstellt worden. Die verschiedenen Beiträge sind als mehr oder weniger lange Essays verfasst und folgen der Chronologie. Diese Aufteilung, wenn auch sicherlich interessant und aufschlussreich, erweist sich in manchen Fällen als hinderlich. Für Lexika und andere Nachschlagewerke bietet sich eine chronologische oder alphabetische Ordnung durchaus an; in diesem Ausstellungsband verwirrt sie: zu unterschiedlich sind die verschiedenen Schulen und Perioden. Der Leser springt von Frankfurt am Main nach Dresden (Johann Christian Heerdt zu Adolf Ehrhardt), von Düsseldorf nach Leipzig (Andreas Achenbach zu Friedrich Otto Georgi), von Wien nach München (Carl Schuch zu Hermann von Kaulbach). Die verschiedenen Werke und Maler, die besprochen werden, lassen kein einheitliches Bild entstehen, sei es in Bezug auf das Genre - Porträt, Stillleben, Historie und Landschaft - oder hinsichtlich der verschiedenen Akademien.

Die Beiträge selber sind sehr gut recherchiert und in vielen Fällen mit mehreren Abbildungen und Vergleichsabbildungen ausgestattet. Sie erlauben oft, das jeweilige Werk in den weiteren historischen wie künstlerischen Kontext einzuschreiben, wie es bei Hans Thoma und auch Louis Eysen der Fall ist, bei denen zusätzlichen Leihgaben es ermöglichen, ein ganzheitliches Bild der künstlerischen Entwicklung nachzuzeichnen. Gerade bei Malern wie Eysen erweist sich dies als vorteilshaft, da viele seiner Werke in Privatsammlungen und somit dem breiten Publikum unbekannt sind, zumal er als Maler auch zu Lebzeiten Ausstellungen scheute.

Auch die Notiz zu Anselm Feuerbach erlaubt es, dank der verschiedenen Leihgaben, Feuerbachs Karriere komplett nachzuvollziehen. Peter Forster analysiert die verschiedenen Werke in Bezug auf den historischen und geografischen Kontext und zieht sinnmachende Parallelen mit Werken von Édouard Manet, Gustave Courbet und Hans Holbein. In einigen Werkbeiträgen gibt es sogar regelrechte Überraschungen: Die Notiz zu Johann Wilhelm Schirmer, von Irene Haberland verfasst, hat das Verdienst, endlich eines der Gemälde der Südfrankreichreise, Idyllische Szene am Fluß - Landschaft bei Vaison , wieder ans Licht zu bringen (nachdem die meisten dieser Ölgemälde nach Schirmers Tod im Jahr 1863 fast vollständig vom Kunstmarkt verschwanden). Ausstellung und Katalog geben auch Anlass zu einigen Neuzuschreibungen oder hinterfragen traditionelle Zuschreibungen. Dennoch ist in manchen Fällen die Materiallage eher dünn: Obwohl einleuchtend belegt wird, warum eine Italienische Landschaft aus dem Museum Wiesbaden nicht von der Hand Schirmers stammen kann, erscheint die Vorstellung, dieselbe Julius Schnorr von Carolsfeld zuzuschreiben, aufgrund von nur skizzierten Argumenten und fehlenden Vergleichsabbildungen nicht ganz so überzeugend, wie man es sich gewünscht hätte. Andere Vorschläge zur Autorschaft eines Werkes, wie z.B. ein Frauenporträt, das Louis Ferdinand von Rayski zugeschrieben wird, sind da schon evidenter und erlauben, einen Maler zu entdecken, der durch seine Spezialisierung auf Porträts Adeliger weithin vergessen wurde.

Der Katalog hat auch das Verdienst, einige Künstler vorzustellen, die von der Kunstgeschichte und Kritik lange übersehen worden sind, da ihre Kunstauffassung und ihr Darstellungsduktus als rückwärtsgewandt angesehen wurde. Das tradierte Schönheitsideal, wie es Emil Lugo noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts vertrat, stand im krassen Gegensatz zur realistischen Malerei à la Gustave Courbet und zum aufkommenden impressionistischen Trend in Deutschland. In diesem Falle hilft die chronologische Struktur des Katalogs zu sehen, wie drastisch die Unterschiede in der deutschen Kunstlandschaft waren und welche unterschiedlichen Tendenzen zur gleichen Zeit und unter Malern derselben Generation parallel bestanden.

Trotz der strikt chronologischen Struktur, und der daraus entstehenden Anreihung von Essays ohne Kontinuität, ziehen sich einige Zusammenhänge wie rote Fäden durch den Katalog. Die Kernfiguren, die immer wieder auftauchen, sind u.a. Johann Wilhelm Schirmer, Wilhelm von Schadow, Wilhelm Leibl, Victor Müller und Otto Scholderer. So betonen die Beiträge auch die Bedeutung nicht nur der professionellen Kontakte an den Akademien, sondern auch die Wichtigkeit der Künstlerfreundschaften und der sozialen Kreise wie z.B. um Hans Thoma und um Leibl. So kommt erneut die Frage auf, ob eine andere Struktur des Katalogs den Werken und Künstlern nicht vorteilhafter gewesen wäre und erlaubt hätte, Zusammenhänge und Berührungspunkte klarer herauszustellen. Dennoch erweist sich der Katalog als ein ambitioniertes und komplexes Werk zum 19. Jahrhundert mit vielen künstlerischen Neuentdeckungen.