You are here: Home / Reviews / Journals / sehepunkte / 17 (2017) / 08-09 / Republiken als Blaupause
Social Media Buttons fb twitter twitter twitter
  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Weber, Nadir
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch
      Author (Monograph)
      • Weeber, Urte
      Title
      Republiken als Blaupause
      Subtitle
      Venedig, die Niederlande und die Eidgenossenschaft im Reformdiskurs der Frühaufklärung
      Year of publication
      2016
      Place of publication
      Berlin, Boston
      Publisher
      De Gruyter Oldenbourg
      Series
      Ancien Régime. Aufklärung und Revolution
      Series (vol.)
      42
      Number of pages
      IX, 533
      ISBN
      978-3-11-043788-1
      Subject classification
      Political History, Social and Cultural History
      Time classification
      Modern age until 1900 → 17th century, Modern age until 1900 → 18th century
      Regional classification
      Europe → Western Europe → Netherlands, Europe → Western Europe → Switzerland, Europe → Southern Europe → Italy
      Subject headings
      Venedig
      Schweiz
      Niederlande
      Republik
      Konstrukt
      Aufklärung
      Geschichte 1650-1750
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2017/09/30109.html
      recensio.net-ID
      81fb76c5fd39442ba35dcdf2ee5a0f89
      DOI
      10.15463/rec.1042259067
  • Citation rules

  • Terms of licence

    • This article may be downloaded and/or used within the private copying exemption. Any further use without permission of the rights owner shall be subject to legal licences (§§ 44a-63a UrhG / German Copyright Act).

Urte Weeber: Republiken als Blaupause. Venedig, die Niederlande und die Eidgenossenschaft im Reformdiskurs der Frühaufklärung (reviewed by Nadir Weber)

sehepunkte 17 (2017), Nr. 9

Urte Weeber: Republiken als Blaupause

Die Monarchie war zwar die vorherrschende Staats- und Regierungsform in der Frühen Neuzeit, als solche aber auch für Zeitgenossen keineswegs alternativlos. Auf der europäischen Landkarte des 17. und 18. Jahrhunderts existierten mehrere von Rats- oder Volksversammlungen regierte Gemeinwesen, die als Republiken bezeichnet wurden. Suchte die von Hans Baron und John Pocock inspirierte Republikanismusforschung lange eher nach den ideengeschichtlichen Grundlagen moderner Bürger- und Partizipationskonzepte und ortete diese unter anderem im Kontext der Verfassungsexperimente in Florenz um 1500 oder in England um 1650, hat sich die neuere Forschung nun vermehrt mit der politischen Sprache und Kultur dieser langlebigeren Freistaaten auseinandergesetzt.

Neben einem beachtlichen semantischen Repertoire, aus dem auch die atlantischen Revolutionen des späten 18. Jahrhunderts schöpfen konnten, ist dabei viel Vormodernes freigelegt worden, etwa die gegenüber Monarchien nicht minder ausgeprägte Orientierung an ständischen Ordnungsvorstellungen. Herrschaft war in den frühneuzeitlichen Republiken als Prinzip keineswegs aufgehoben, sondern einfach auf mehrere privilegierte, männliche und oft auf Lebenszeit amtierende Häupter verteilt. Entsprechend fiel es den dortigen Eliten nicht besonders schwer, an einer allgemeinen europäischen Adels- und Hofkultur zu partizipieren und gerade damit der Integration ihrer Gemeinwesen in die europäische Mächteordnung Vorschub zu leisten.

Die auf einer Heidelberger Dissertation basierende Studie von Urte Weeber schließt an diesen Trend zur Historisierung des frühneuzeitlichen "Republikanismus" an und fragt danach, wie die politischen und ökonomischen Strukturen der drei prominentesten zeitgenössischen Republiken - Venedig, die Vereinigten Provinzen der Niederlande und das Corpus Helveticum - in gedruckten Staatsbeschreibungen und Reiseberichten, die Weeber einem frühaufklärerischen Reformdiskurs zuordnet, beobachtet und diskutiert wurden. Die Studie ist nach chronologischen Gesichtspunkten in vier Darstellungskapitel geordnet, deren Abschnitte sich jeweils einzelnen Orten, Autoren oder Themen widmen.

Im ersten Kapitel rekonstruiert die Autorin die Selbst- und Fremdbeschreibungen vor dem eigentlichen Untersuchungszeitraum, das heißt vor 1650. Das meiste wurde hier von der Forschung bereits gesagt, weshalb das Kapitel vielleicht auch hätte kürzer ausfallen können. Als handbuchartige Bündelung liest sich der Vogelflug über die Genese des "Mythos Venedig" sowie des Bildes der freien Schweizer Bauern und der tüchtigen holländischen Seefahrer aber dennoch mit Gewinn und liefert die Grundlagen für die anschließende Analyse eines diskursiven Umbruchs in der Mitte des 17. Jahrhunderts.

Dieser Umbruch hängt gemäß Weeber vor allem mit dem Aufkommen eines neuartigen Mediums, den an der Interessenlehre orientierten systematischen Staatsbeschreibungen zusammen. Die von ehemaligen Diplomaten, gelehrten Reisenden oder Universitätsprofessoren geschriebenen Abhandlungen wurden mit dem Ziel abgefasst, einem interessierten, oftmals dem Fürstendienst nahestehenden Publikum nützliches Wissen über andere Staaten, deren Erfolgsrezepte oder Schwächen mitzuteilen. Während der Mythos Venedig mit Amelot de la Houssayes Histoire du Gouvernement de Venise erstmals starke Risse bekam, wurde die Eidgenossenschaft nun erst so richtig zum Gegenstand eines länderübergreifenden politischen Diskurses.

Im Zeitraum von 1676 bis 1750, dem das ausführlichste Kapitel gewidmet ist, waren die Aussagen über die drei Republiken gemäß Weeber weitgehend stabil. Die Vereinigten Provinzen wurden als Modell für wirtschaftlichen Erfolg breit rezipiert, und insbesondere beim Abbé de Saint-Pierre avancierten die außenpolitisch vorsichtigen Republiken zu einem Vorbild für ein friedlicheres, konföderiertes Europa. Allerdings wurden auch die Schattenseiten polyarchischer Verfasstheit wie die Anfälligkeit für Faktionalismus, Wahlkorruption oder langatmige Entscheidungsprozeduren von den Beobachtern ausführlich diskutiert. Die Republiken waren zu einem würdigen Diskussionsgegenstand geworden; als generelles Vorbild galten sie aber deshalb noch lange nicht.

Ein Fragezeichen würde der Rezensent hinter den Titel von Kapitel IV, "Republiken als Auslaufmodell", setzen. Um 1750 ortet Weeber erneut eine Modifikation der Aussagen, macht diese diesmal aber nur an zwei Autoren des Höhenkamms - Montesquieu und Hume - fest, und selbst dort könnte man zu anderen Schlussfolgerungen gelangen: War Montesquieus république fédérative , diskutiert unter Bezugnahme auf die Niederlande und die Eidgenossenschaft (vgl. 424f.), nicht gerade der entscheidende Sprung hin zur Generalisierung der republikanischen Alternative, die bis dahin als kleinstaatliches Phänomen gegolten hatte? Eine Idee, die wenige Jahrzehnte später jenseits des Atlantiks zündete?

Allgemein lässt sich zur Methodik einwenden, dass die Beurteilung frühneuzeitlicher Republiken vielleicht noch etwas deutlicher hätte erfasst werden können, wenn sich die Analyse stärker auf die als konstitutiv geltenden Aspekte - die polyarchischen Regierungssysteme und die dazugehörigen Verfahren der Ämterwahl und der kollektiven Entscheidungsfindung - konzentriert hätte. Damit hätte sich mehr Raum für Differenzierungen ergeben, etwa die für die den Zeitgenossen wichtige Unterscheidung zwischen aristokratischen, demokratischen oder gemischten Republiken, aber auch für gezieltere Vergleiche mit den reformbedürftigen Monarchien, deren sich ebenfalls wandelnde Beurteilung in denselben Quellengattungen hier kaum thematisiert wird.

Dessen ungeachtet enthält die begrifflich reflektierte und auf breiter Quellenbasis fußende Studie viele wertvolle Beobachtungen und Denkanstöße, von denen die Republikenforschung ebenso profitieren kann wie die allgemeine Geschichte politischen Denkens. Der innovative Versuch, die bisher getrennt voneinander untersuchten Rezeptionen Venedigs, der Niederlande und der Eidgenossenschaft unter dem tertium comparationis ihrer polyarchischen Verfasstheit zu untersuchen, lädt zu weiteren vergleichenden Studien zu diesen vormodernen Gemeinwesen ein, die zwar kaum als direkte Vorgänger moderner Verfassungsstaaten gelten können, aber in einer von Fürsten dominierten Welt doch das Bewusstsein dafür wachhielten, dass politische Systeme grundsätzlich veränderbar sind.