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    • Dokumenttyp
      Rezension (Monographie)
      Zeitschrift
      sehepunkte
      Autor (Rezension)
      • Tounta, Eleni
      Sprache (Rezension)
      Deutsch
      Sprache (Monographie)
      English
      Autor (Monographie)
      • Carr, Mike
      Titel
      Merchant Crusaders in the Aegean (1291–1352)
      Erscheinungsjahr
      2015
      Erscheinungsort
      Woodbridge, Rochester, NY
      Verlag
      Boydell & Brewer
      Reihe
      Warfare in History
      Umfang
      XII, 196
      ISBN
      978-1-84383-990-3
      Thematische Klassifikation
      Geschichte allgemein
      Zeitliche Klassifikation
      Mittelalter → 13. Jh., Mittelalter → 14. Jh.
      Regionale Klassifikation
      Alte Welt → Südosteuropa / Alte Welt
      Schlagwörter
      Ägäis
      Kreuzzüge
      Handel
      Geschichte 1291-1352
      Original URL
      http://www.sehepunkte.de/2017/10/29312.html
      recensio.net-ID
      f36ee1ceab6c43f8834b3ebdad43d33f
      DOI
      10.15463/rec.1644794513
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Mike Carr: Merchant Crusaders in the Aegean (1291–1352) (rezensiert von Eleni Tounta)

erstellt von Recensio Net zuletzt verändert: 03.11.2017 11:19

sehepunkte 17 (2017), Nr. 10

Mike Carr: Merchant Crusaders in the Aegean (1291-1352)

Die vorliegende Monografie befasst sich mit der Kreuzzugsgeschichte unter regionaler Perspektive. Behandelt werden die ersten Kreuzzüge gegen die Türken im Ägäischen Meer in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Der zeitliche Rahmen der Untersuchung erstreckt sich vom Fall Akkons (1291) - einer Katastrophe, die das Papsttum zu einem strategischen Umdenken bei der Wiedereroberung des Heiligen Landes zwang und zum Verbot des Handels mit den Mamluken führte - bis zum Tod Papst Clemens' VI. (1352), der eine wichtige Rolle in den kriegerischen Auseinandersetzungen im Ägäischen Meer spielte. Der Autor stellt die Besonderheit dieser Kreuzzüge dar - besonders deshalb, weil sie auf eine Initiative der lateinischen Mächte in dieser Region zurückgingen, also der Republik Venedig, der genuesischen Familie der Zaccaria, der Johanniter zu Rhodos, sowie des Königreiches Zypern. Die kommerziellen Interessen aller waren durch die türkischen Überfälle bedroht. Der von Carr formulierte Begriff "merchant crusaders" unterstreicht den besonderen Charakter dieser Kreuzfahrer, bei denen Glaube und wirtschaftliche Faktoren ineinandergriffen und die sowohl Kreuzungsvorstellungen als auch die daraus resultierende päpstliche Politik veränderten.

Carr selbst betreibt seine Forschungen ausgehend von den Wechselwirkungen zwischen Kreuzzügen, Handel und interkulturellen Beziehungen (5-6). Tatsächlich wird das Buch um zwei Grundfragen herum strukturiert. Die erste bezieht sich auf die Wahrnehmung der Türken durch die Lateiner. Die zweite Frage handelt von der Integration wirtschaftlicher Faktoren in das Kreuzzugsdenken. Die Quellenbasis liefern Bestände der Archive in Venedig, Genua und im Vatikan. Lateinische Chroniken, einige byzantinische erzählende Quellen, sowie ein türkisches Epos, das die einzige türkische Quelle für diese Periode darstellt, ergänzen das Forschungsmaterial (8-15).

Der Autor beginnt mit einer Einführung in das politisch kleinteilige ägäische Gebiet, in dem Byzanz, die Republik Venedig, Genuesen, Türken, Johanniter und Katalanen ihre jeweils eigenen Interessen verfolgten. Dazu präsentiert er den Kreuzzugsgedanken, den das Papsttum für diesen Raum entwickelt und in der Praxis umgesetzt hatte, wozu gehörte, das lateinische Kaiserreich gegen die als Schismatiker geltenden Byzantiner zu verteidigen und, nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs 1261, selbiges wiederherzustellen (17-31). Den Wandel innerhalb der ägäischen Kreuzzüge gegen die Türken analysiert Carr im zweiten Kapitel (32-62). Die Konsolidierung der türkischen Beyliks in Anatolien und ihre ab dem zweiten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts geführten Attacken gegen die Handelsrouten der Lateiner in der Ägäis resultierten in der Konstruktion eines negativ gefärbten Bildes der Türken, was wiederum die polemische Rhetorik im Westen zusätzlich befeuerte. Fruchtbar ist Carrs Hinweis auf die Kontinuität dieses Bildes bei den Humanisten des 15. Jahrhunderts (59-62). Leider wird der postulierte Zusammenhang zwischen eben dieser Wahrnehmung und "der Wendung von einem mittelalterlichen zu einem frühmodernen Orientalismus" (60) nicht weiter problematisiert. Dies hätte der diesem Kapitel zugrundeliegenden Argumentation zusätzliche Schärfe verleihen können.

Im folgenden Kapitel (III, 63-78) beschreibt Carr die See-Ligen (1333-34 bzw. 1343-52), mit denen die lateinischen Mächte in der Ägäis der türkischen Gefahr zu begegnen suchten. Im Gegensatz zu der verbreiteten Forschungsmeinung über die Führungsrolle des Papsttums bei der Konzeption und Organisation dieses Aktionsplans, weist Carr überzeugend nach, dass die Initiative auf die lateinischen Mächte zurückzuführen ist, die es schafften, den Heiligen Stuhl für ihre Sache zu gewinnen. Hier lässt Carr die Frage nach der Einbeziehung dieser Kriegszüge in die allgemeine Kreuzzugsbewegung in der Schwebe, um einen knappen Überblick über die Logistik der Ligen und die von ihnen angewandten Strategien zu geben (IV, 79-93). Aufgrund des Quellenmangels beschränkt sich der Autor aber zumeist darauf, die bisherigen Forschungsergebnisse über Organisation und Strategie der mittelalterlichen See-Kriegsführung kurz darzustellen.

Im fünften Kapitel (94-118) widmete sich Carr der Grundsatzfrage nach dem päpstlichen Engagement innerhalb der Ligen. Erst dieses Engagement verlieh den Kriegen gegen die Türken überhaupt Kreuzzugscharakter. Wie der Autor verdeutlicht, war Papst Johannes XXII. 1333-34 nur bereit, der von Venedig organisierten Liga beizutreten, wenn Venedig nach der Bekämpfung der Türken im Ägäischen Meer dazu bereit war, sich bei einem Kreuzzug zur Rückeroberung des Heiligen Landes zu beteiligen. Von Bedeutung sind Carrs Ergebnisse zu den verschiedenen Haltungen des Heiligen Stuhles gegenüber den Ligen, die in den politischen Prioritäten jedes Papstes gründeten und infolgedessen die Relativierung der Kreuzzugsidee unterstreichen. Obwohl Papst Johannes XXII. keine engen Beziehungen zur Liga von 1333-34 unterhalten hatte, übernahm Clemens VI. die Führung des Kreuzzuges von Smyrna (1343-1352) und setzte dabei sämtliche traditionellen Mittel der Kreuzzugspolitik wie Predigten, Ablässe, Zehntzahlungen zur Finanzierung des Krieges etc. ein. Anders als bei Johannes XXII. und Benedikt XII. der Fall, werden die Beweggründe Clemens' und die politischen Konstellationen, die sein Handeln bedingten, jedoch nicht analysiert (104), was umso erstaunlicher ist, als Carrs Argumentation ja meistens auf der Haltung des Roger-Papstes basiert.

Carr beschließt seine Untersuchung mit einer aufschlussreichen Argumentation, die um die Transformation des Kreuzzugsgedanken durch die Beziehungen und gegenseitigen Einflussnahmen zwischen den Päpsten und den Kaufleute der Ligen kreist (VI, 119-142). Die Päpste, vor allem Clemens VI., hatten keine Bedenken, das Handelsembargo, das sie über die Mamluken verhängt hatten, partiell aufzuheben, um damit die Kreuzzüge gegen die Türken zu finanzieren. Die Päpste verliehen den Kaufleuten spezielle Handelslizenzen, damit diese ihre kommerziellen Aktivitäten mit Ägypten wieder aufnehmen und den Gewinn in die Organisation der Ligen investieren konnten. Folgt man dem Autor, dann wäre auf diese Weise der Handel mit den Muslimen zu einem Bestandteil päpstlicher Kreuzzugsidee geworden, der die traditionellen Mittel zur Finanzierung der Kreuzzüge, wie beispielsweise den Zehnten, ersetzte.

Sehr ansprechend ist die Ausstattung der Monografie mit einigen Anhängen, die Listen der den "merchant crusaders" gewährten Ablässe und Handelslizenzen und der entsprechenden päpstlichen Urkunden enthalten.

Insgesamt hebt Carr die Vielsichtigkeit des Kreuzzugsgedankens hervor - eine Vielschichtigkeit, die aus der Interaktion zwischen regionalen Mächten und der päpstlichen Zentrale resultierte. Die Stärke des Bandes liegt darin, den päpstlichen Faktor in den politischen Konstellationen im Ägäischen Meer in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts richtig zu gewichten. Darüber hinaus trägt er zu den aktuellen Debatten über die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen im Mittelalter bei, indem er die Komplexität ihrer Kontakte klar belegt. Carrs Monografie hätte zusätzliche Einblicke ermöglicht, wäre der Frage nachgegangen worden, wie die "merchant crusaders" sich selbst wahrnahmen und ihre besondere Identität zum Ausdruck brachten - eine Forschungsperspektive, die die analytischen Kategorien von Diskurs und Performanz eingesetzt und so den modernen, den Band indirekt durchdringenden Gegensatz zwischen Glaube einerseits und ökonomischem Interesse andererseits aufgehoben und die vielfältigen Erlebnisse der lateinischen Kaufleute im Ägäischen Meer besser nachvollziehbar gemacht hätte.