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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (review)
      • Deutsch, Kristina
      Language (review)
      Deutsch
      Language (monograph)
      English, Français
      Editor (monograph)
      • Perrin Khelissa, Anne
      Title
      Corrélations. Les objets du décor au siècle des Lumières
      Subtitle
      Les objets du décor au siècle des Lumières
      Year of publication
      2015
      Place of publication
      Bruxelles
      Publisher
      Editions de l'Université de Bruxelles
      Series
      XVIII. Études sur le 18e siècle
      Series (vol.)
      43
      Number of pages
      264
      ISBN
      978-2-8004-1585-7
      Subject classification
      Art History
      Time classification
      Modern age until 1900 → 18th century
      Regional classification
      Europe
      Subject headings
      Kunsthandwerk
      Dekoration
      Geschichte 1700-1800
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2017/11/28669.html
      recensio.net-ID
      ccd32443cda04ade9decc7a0dfd2868f
      DOI
      10.15463/rec.1003877606
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Anne Perrin Khelissa (ed.): Corrélations. Les objets du décor au siècle des Lumières (reviewed by Kristina Deutsch)

sehepunkte 17 (2017), Nr. 11

Anne Perrin Khelissa: Corrélations: Les objets du décor au siècle des Lumières

"J'aime mes appartemens, et je veux que vous les voyiez." [ 1 ] Diese an Mélite gerichtete Erklärung zu Beginn von "La Petite Maison" - eines conte libertine von Jean-François de Bastide (Paris 1758) - lässt bereits vermuten, dass Trémicours' Leidenschaft nicht allein für die junge Dame, sondern mindestens genauso für seine exquisiten Wohnräume brennt. Das Katz- und Mausspiel durch ein fiktives Lusthaus an der Seine gereicht tatsächlich zum bloßen Vorwand für eine ausgiebige Beschreibung der künstlerisch hochwertigen Inneneinrichtung.

Vor allem die von Bastide beschriebenen, raffiniert ausgestatteten Kabinette, Boudoirs und Bäder verkörpern das Lebensgefühl der gesellschaftlichen Elite im fortgeschrittenen 18. Jahrhundert auf vollkommene Weise. Innenleben und Interieurs bedingen sich wechselseitig: Intime, sinnliche Räume fördern die nun zunehmend beachtete Empfindsamkeit.

Es sind diese engen Verbindungen von Kunst, Literatur und Philosophie, welche die Beiträge des Sammelbandes herausarbeiten. Das Buch erscheint in der Publikationsreihe der 1973 um Roland Mortier an der Université libre de Bruxelles gegründeten "Groupe d'étude du XVIII e siècle", einer interdisziplinären Forschergruppe. Der Romanist starb 2015, im Erscheinungsjahr des Sammelbandes; seiner Erinnerung ist ein kurzer Text gewidmet (Hervé Hasquin, 7-9).

Auf den einleitenden Teil folgen insgesamt zwölf Beiträge in französischer oder englischer Sprache, die sich der beweglichen und wandfesten Ausstattung profaner Innenräume widmen, mithin künstlerischen und kunsthandwerklichen Produkten für die gesellschaftliche Elite. Die Texte sind vier Themengruppen zugeordnet: "Principes et logiques structurants", "Normes et pratiques sociales", "Dispositions et assemblages plastiques", "Imaginaires et incarnations sensuels". Untersucht werden vor allem Beispiele aus Frankreich; jeweils ein Beitrag ist England, Palermo und Neuchâtel gewidmet. Andere Länder und geografische Kontexte wie das Alte Reich bleiben weitgehend ausgespart.

In der Einleitung erläutert die Herausgeberin das problematische Verhältnis der universitären Kunstgeschichte zum Kunsthandwerk, wobei sich die Situation in den letzten Jahren grundlegend gewandelt habe: Kunsthandwerk, Ornament und Innenraumausstattung stehen zunehmend im Fokus der Forschung. [ 2 ] Anne Perrin Khelissa würdigt hingegen kaum die Methoden und Ergebnisse zur Untersuchung höfischer Innenräume vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Funktion, welche die kunsthistorische Residenzforschung vor allem in den letzten beiden Dezennien erarbeitet hat. [ 3 ]

Dabei wären von einer diesbezüglichen Erweiterung des Spektrums ebenfalls fruchtbare Korrelationen zu erwarten gewesen. In der deutschsprachigen Residenzforschung steht vor allem der Zusammenhang von "Zeremoniell und Raum" [ 4 ] im Vordergrund. Dementsprechend selbstverständlich ist die Heranziehung von Grundrissen, die im vorliegenden Buch häufig entweder fehlen oder in unkenntlicher Qualität gedruckt sind. Allerdings wird hier - wie in der französischsprachigen Forschung zu höfischen Innenräumen im Allgemeinen - die Bedeutung von höfischer bzw. adeliger Privatheit viel stärker thematisiert, während in Bezug auf das Alte Reich eine Fixierung auf die Paraderäume zu beobachten ist.

Dennoch versammelt der Band einige gelungene Beiträge. Mary Sheriff untersucht die Ausstattung des Salon du Prince und des Salon de la Princesse im Hôtel de Soubise (Paris, Germain Boffrand, 1735-39) mit Blick auf eine genderbedingte Ikonografie. Claire Ollagnier vollzieht die Entwicklung des Appartements, also der zu einer Wohnung zusammengeschlossenen Raumfolge, nach. Dabei unterstreicht sie den normativen Charakter architekturtheoretischer Texte wie Jacques-François Blondels "Cours d'architecture" (1771-1777, hier vor allem Bd. IV), der drei Appartement-Typen unterscheidet: Paradeappartement, Gesellschaftsappartement und Privatappartement. In der Praxis seien diese Unterscheidungen jedoch nur bedingt nachzuvollziehen (67). Jedenfalls werde der Rahmen für Intimität zunehmend bedeutsam, was mit einer Diversifikation und Verkleinerung der Räume einhergehe (78).

Pascal-François Bertrand rekonstruiert die Ausstattung des Paradeschlafzimmers im erzbischöflichen Palast zu Reims, das anlässlich der Krönung Ludwigs XV. 1722 eingerichtet wurde. Im Zentrum der Betrachtung stehen die Tapisserien nach den 1677-78 realisierten Malereien Pierre Mignards in Schloss Saint-Cloud: Sie entfalten eine komplexe Symbolik, die auf des jungen Herrschers Pflicht zur Tugend abzielt.

Sarah Medlam zeigt, wie die Veränderung der Gepflogenheiten bei privaten Empfängen des Adels - weg vom üblichen großen "dinner" hin zu einer "variety of social occasions, such as the ball, rout or the assembly" (99) - die Entwicklung der Wohnräume veränderte. Bei der Eröffnung von Norfolk House (London, 1748-56) bewegten sich die Gäste zwar frei in elf Räumen, deren Luxus sich jedoch im sukzessiven Durchschreiten steigerte und somit eine Richtung implizierte.

Michaël Decrossas liefert einen quellenkundigen Rekonstruktionsversuch des Kabinetts von Philippe II. von Orléans in Schloss Saint-Cloud. Die Ausstattung wurde wohl von Gilles Marie Oppenord zwischen 1715 und 1720 erneuert. Dabei ist es befremdlich, heute noch vom "französischen Temperament" zu lesen, dass dem von Oppenord vertretenen Régence-Stil eigentlich entgegenstehe: "[...] art profondément graphique, tourmenté, tourné vers l'effet, et, au fond, contraire au tempérament français" (141).

Mittels sensualistischer Theorien der Zeit analysiert Isabelle Tillerot die Präsentation von Kunstobjekten durch den Sammler Jean de Julienne (1686-1766). Beispielsweise schrieb Étienne Bonnot de Condillac im "Traité des sensations" (Paris 1754) über den geschmacksbildenden Einfluss von Empfindungen. Auch bestimmte Formulierungen des Verkaufskatalogs von 1767 erklärt Tillerot vor diesem Hintergrund.

Besonders hervorzuheben ist der Text von Bérangère Poulain über "La nature dans le boudoir". Ausgehend vom heute zerstörten Boudoir in Schloss Millemont (Yvelines), das für die Baronin d'Ogny um 1758-66 eingerichtet wurde, zeigt sie die bislang unterschätzte Verbreitung von Boiserien mit geschnitzten Blumen " en coloris au naturel " (241). Die in natürlichen Farben bemalten und aufgrund eines Überzugs mit Klarlack wohl extrem glänzenden Blumen fanden sich auch in den cabinets intérieurs der Maria Leszczyńska in Versailles. Diese Dekorationsmode fügt sich ein in das Spiel mit der Aufhebung der Grenzen von Kunst und Natur, das Poulain auch anhand eines weiteren Kunstgriffs beobachtet. Bepflanzte Balkone vor den Kabinetten der Königin sorgten für "une vue artificielle sur le jardin" (244).

Dem Blumenkabinett im Landschloss von Millemont setzt die Autorin das in Gold dekorierte Boudoir im Pariser Stadtpalast des Ehepaars D'Ogny entgegen, wo es mehr noch um die Darstellung gesellschaftlicher Stellung gegangen sein mag. Hier wie dort sei das Boudoir jedenfalls weniger ein privater Rückzugsort als ein Empfangsraum mit beschränkter Zugänglichkeit aber durchaus repräsentativer Funktion, sein Dekor "semble mettre en scène l'intimité bien plus qu'en être le reflet" (249).

Gerade jene Beiträge, welche die fundierte Untersuchung einzelner Beispiele bei gleichzeitiger Berücksichtigung größerer - kunsthistorischer, aber auch gesamtkultureller - Zusammenhänge kombinieren, liefern überzeugende Ergebnisse und eröffnen Perspektiven. Die methodische Ausrichtung auf interdisziplinäre "Corrélations" ist in dem Sinne erfolgreich. Als ein wünschenswertes, zukünftiges Ziel kristallisiert sich eine stärkere Internationalisierung der kunsthistorischen Forschung bezüglich der Hof- und Adelskultur heraus.


Anmerkungen :

[ 1 ] Zitiert nach der Ausgabe Paris: Gallimard 1993, 26.

[ 2 ] Das bestätigt beispielsweise auch die Ausrichtung des Barocksommerkurses der Stiftung Bibliothek Werner Oechslin 2017 zum Thema " Ornamentum : Raumausstattung, Bildprogramme".

[ 3 ] Stellvertretend seien nur zwei rezente Publikationen genannt: Georg Satzinger / Marc Jumpers (Hgg.): Zeremoniell und Raum im Schlossbau des 17. und 18. Jahrhunderts. Akten des Studientages vom 29. Juni 2012 am Kunsthistorischen Institut der Universität Bonn, Münster 2014; Thomas W. Gaehtgens u.a. (Hg.): Versailles et l'Europe. L'appartement monarchique et princier, architecture, décor, cérémonial (= Passages online; Bd. 1), Paris 2017, URL: https://doi.org/10.11588/arthistoricum.234.309 (letzter Zugriff am 11.10.2017).

[ 4 ] Siehe den Titel von Satzinger / Jumpers 2014, Anm. 3.