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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Dinzelbacher, Peter
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch
      Author (Monograph)
      • Clement, Michael
      Title
      »In te consistito!«
      Subtitle
      Selbststand, Verantwortung und christlicher Glaube bei Bernhard von Clairvaux
      Year of publication
      2017
      Place of publication
      Münster
      Publisher
      Aschendorff
      Series
      Beiträge zur Geschichte der Philosophie und Theologie des Mittelalters, NF
      Series (vol.)
      81
      Number of pages
      404
      ISBN
      978-3-402-10295-4
      Subject classification
      History of religion
      Time classification
      Middle Ages → 6th - 12th century
      Regional classification
      Europe → Western Europe → France
      Subject headings
      Bernhard <von Clairvaux, Heiliger>
      Theologische Anthropologie
      Bernhard <von Clairvaux, Heiliger, De consideratione>
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2018/01/30716.html
      recensio.net-ID
      3fabeedb728c4d4390d663fac0a6d15d
      DOI
      10.15463/rec.729610941
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Michael Clement: »In te consistito!«. Selbststand, Verantwortung und christlicher Glaube bei Bernhard von Clairvaux (reviewed by Peter Dinzelbacher)

sehepunkte 18 (2018), Nr. 1

Michael Clement: »In te consistito!«

Mit der vorliegenden Arbeit wurde der Verfasser - katholischer Moraltheologe - in Würzburg promoviert; wie dem Titel nicht zu entnehmen ist, zählt sie zu jener Literaturgattung, die man als "accessus ad opus" bezeichnen könnte. Dieses (v.a. bei Literaturhistorikern beliebte) paraphrasierende Genus mögen manche als prinzipiell entbehrlich beurteilen, da es die eigene Textlektüre weder ersetzen noch übertreffen kann; man kann es aber ebenso als nützlich akzeptieren, insofern ein anderer Leser desselben Textes andere und vielleicht sonst übersehene Aspekte betonen wird, als man selbst. Das Werk, um das es hier geht, ist Bernhards "De consideratione ad Eugenium papam", wohl 1147ff., also in den letzten Lebensjahren, verfasst. Clement bemüht sich darum zu zeigen, dass die Schrift weit mehr als ein aus aktuellem Anlass konzipierter 'Papstspiegel' ist, sie vielmehr das Insgesamt von Bernhards 'Anthropologie' darlegt.

Der erste Teil von gut 60 Seiten bietet neben Allgemeinplätzen über das 12. Jahrhundert v.a. eine Biographie des Abtes, die nun wirklich hätte weggelassen werden sollen, denn einerseits wird zu dieser sehr spezialisierten Abhandlung nur greifen, wer sich bereits mit Bernhard beschäftigt hat, andererseits findet man nichts, was in der reichen Sekundärliteratur nicht schon wesentlich eingehender behandelt worden wäre. Dann folgt Clement Schritt für Schritt Bernhards Ausführungen über das, was nicht nur ein Papst, sondern ein Mensch überhaupt in der Gestaltung seines Lebens bedenken sollte, Überlegungen, die der Abt beeindruckend nach räumlichen Kategorien (z.B. Breite, d.h. Verhältnis zu den Mitmenschen) vorträgt. Man kann diese Schrift als Summe seines Menschenbildes, aber auch seiner Psychologie verstehen, wobei vielfach ethische Maximen aufgestellt werden, die auch ohne religiösen Hintergrund nachvollziehbar erscheinen. Freilich verschweigt Clement, dass gerade Bernhard im praktischen Leben ein Meister in der Interpretation seiner eigenen Grundsätze war, von denen er die ihm jeweils eben tunlich erscheinenden anwandte (würde er, was er über Maß, Demut, Gerechtigkeit schrieb, was über die Beschränkung auf das jeweilige Amt, stets angewandt haben, hätte es u.a. die Causa Abaelard nicht gegeben - keineswegs gehörte sie zum Aufgabenbereich eines Abtes von Clairvaux, und genau das ließen die Kardinäle Bernhard ja auch wissen, als er eine 'Neuauflage' in der Causa Gilbert versuchte).

Erst Cons. V konzentriert sich ganz auf die Theologie und kann nur mehr - ebenso wie Clements Kommentar dazu - von der Grundlage des christlichen Glaubens her gewürdigt werden. Ein Gleiches gilt für die "Schlussreflexion", in der der Verfasser beweisen möchte, Bernhard habe eine "relational-ontologische Anthropologie" verfolgt und keine "substanztheologische" (367ff. - ein Terminus, der sich nicht einmal im offiziösen LThK findet). Dies hintangestellt, wird man, so man Bernhards Werke gut kennt, wohl zweierlei vermissen: Clement weist wohl kursorisch, aber meines Erachtens nicht hinreichend auf die immer wieder manifesten biblischen Grundlagen seines Denkens und seiner Sprache (!) hin und sieht nicht, wie sehr der Abt von den Normen der Benediktusregel ausgeht (seine "militärische Disziplin", 160f., hat genau hier ihre Basis).

Die Arbeit ist sorgfältig durchgeführt, Druckfehler sind sogar in den zahlreichen (nicht übersetzten) lateinischen Zitaten minimal (230 ist ein sinnloses "minus" stehengeblieben, obwohl es in der von Clement benutzen Innsbrucker Edition, Bd. VII, 762 ohnehin in "nimius" verbessert ist). Die Sekundärliteratur in verschiedenen Sprachen wurde hinlänglich herangezogen, doch fehlt merkwürdigerweise gerade die umfassendste neuere katholische Biographie, die sich auf Bernhards Spiritualität konzentriert (Pierre Aubé: Saint Bernard de Clairvaux, Paris 2003). Angesichts der Bedeutung des Themas eben für die vorliegende Publikation wäre auch eine Berücksichtigung von Anna Maiorino Tuozzi: La "conoscenza di sé" nella scuola cisterciense, Napoli 1976 hilfreich gewesen.

Es wird diese moraltheologische Dissertation, die primär textimmanent vorgeht, nicht als Pflichtlektüre für Mediävisten, auch nicht für auf das Hochmittelalter spezialisierte, bezeichnet werden können. Wer sich aber besonders für Bernhards Denkweise, seine intellektuelle Leistung, seine Theologie interessiert, dürfte das Buch als dienlich und weiterführend begrüßen. Es wird deutlich, dass es ganz irrig wäre, diesen Zisterzienser als Repräsentanten einer simplen Mönchstheologie anzusehen (ein problematischer Terminus, der gerade vom Bernhard-Herausgeber Jean Leclercq ventiliert wurde). Vielmehr ist Bernhards Menschen- und Gottesbild in De consideratione nicht weniger scharfsinnig analysierend als das eines zeitgenössischen Scholastikers - nur anders strukturiert und nicht selten lebensnäher. Es kommen bei ihm sogar Begriffe vor, die wir erst mit der Renaissance verbinden, wie "dignitas [...] conditionis humanae" oder "ius humanitatis" (327, 236). Auch diesbezüglich bleibt somit das Wort von Friedrich Heer gültig, Bernhard und Abaelard seien ja doch "Feindbrüder" gewesen.