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  • Metadaten

    • Dokumenttyp
      Rezension (Monographie)
      Zeitschrift
      sehepunkte
      Autor (Rezension)
      • Galle, Christoph
      Sprache (Rezension)
      Deutsch
      Sprache (Monographie)
      Deutsch, Latin
      Autor (Monographie)
      • Janz-Wenig, Katrin
      Titel
      Decem gradus amoris deutsch
      Untertitel
      Entstehung, Überlieferung und volkssprachliche Rezeption einer lateinischen Predigt. Untersuchung und Edition
      Erscheinungsjahr
      2017
      Erscheinungsort
      Berlin
      Verlag
      Erich Schmidt Verlag
      Reihe
      Texte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit
      Reihennummer
      56
      Umfang
      X, 380
      ISBN
      978-3-503-17477-5
      Thematische Klassifikation
      Kirchen- und Religionsgeschichte, Sprachgeschichte
      Zeitliche Klassifikation
      Mittelalter → 13. Jh., Mittelalter → 14. Jh.
      Regionale Klassifikation
      Europa → Westeuropa → Deutschland, Europa → Westeuropa → Schweiz
      Schlagwörter
      Helwicus <Teutonicus>
      Gottesliebe
      Spirituelle Theologie
      Rezeption
      Predigt
      Volkssprache
      Mittelhochdeutsch
      Original URL
      http://www.sehepunkte.de/2018/04/31211.html
      recensio-Datum
      25.04.2018
      recensio-ID
      f65ee07bd3834ffeb6fbadffe76191b0
      DOI
      10.15463/rec.1748994286
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Katrin Janz-Wenig: Decem gradus amoris deutsch. Entstehung, Überlieferung und volkssprachliche Rezeption einer lateinischen Predigt. Untersuchung und Edition (rezensiert von Christoph Galle)

sehepunkte 18 (2018), Nr. 4

Katrin Janz-Wenig: Decem gradus amoris deutsch

Die mittelalterliche Predigt findet in der jüngeren Forschung mehr und mehr Beachtung - und das in der Theologie genauso wie in der Geschichtswissenschaft, der Germanistik oder der mittellateinischen Philologie. Der Großteil des überlieferten Materials wartet aber weiterhin darauf, in Form von Editionen und Untersuchungen zugänglich gemacht bzw. erschlossen zu werden. Die von Regina D. und Hans-Jochen Schiewer als 'terra incognita' [ 1 ] bezeichnete Forschungslage der deutschsprachigen Predigt des 15. Jahrhunderts gilt in ähnlicher Weise für das gesamte Mittelalter. So ist auch vor diesem Hintergrund die Veröffentlichung der Arbeit von Katrin Janz-Wenig zu begrüßen, die auf einer an der Universität Würzburg eingereichten Dissertation fußt.

Die Arbeit teilt sich gleichermaßen in Untersuchung (15-161) sowie Edition (165-314) auf. Im Mittelpunkt stehen die sogenannten 'Decem gradus amoris', die in einem Werk des Straßburger Dominikanerpriors Helwicus Theutonicus (gest. 1263) überliefert sind. Insgesamt vierzehn Handschriften aus dem 13. bis 16. Jahrhundert kann die Autorin für Untersuchung und Edition heranziehen, von denen sechs aus den heutigen Niederlanden, Frankreich und Deutschland stammen, fünf aus Böhmen und Polen (insbesondere Prag und Krakau) sowie drei nach Schlesien zu verorten sind. Alle Überlieferungszeugen werden sorgsam beschrieben, so dass einerseits die Wahl von Erlangen-Nürnberg, Universitätsbibliothek, Ms. 271 als Leithandschrift für die spätere Edition sinnvoll erscheint (33f., 52), andererseits auch erste Rückschlüsse auf den Gebrauch des Textes möglich werden. Schließlich finden sich die 'Decem gradus amoris' in allen Fällen in "Sammel- und Gebrauchshandschriften mit mystisch-aszetischem Schwerpunkt aus dem 14. und 15. Jahrhundert" (50).

Ein Mehrwert des Bandes besteht darin, dass die Autorin auch die weitere Überlieferung in den Blick nimmt. Dies geschieht in überzeugender Manier am Beispiel der Predigt über Deus caritas est (1. Joh. 4,16), die zunächst in den lateinischen 'Sermones Socci' (61-90) zu finden ist, einer Predigtsammlung, die vermutlich auf Konrad von Brundelsheim (gest. 1321), dem Abt des Zisterzienserklosters im mittelfränkischen Heilsbronn, zurückgeht. Diese Sammlung stellt zugleich die Grundlage für die volkssprachliche Überlieferung der exemplarisch ausgewählten Predigt dar, für die die Autorin wiederum fünf verschiedene Beispiele anführt. Dabei kann sie veranschaulichen, wie die Rezeption vonstatten ging: So ist in keinem der fünf Fälle eine durchgehende Übersetzung des lateinischen Textes nachzuweisen. Vielmehr erstellten die Verfasser Kompilationen und nutzten die Vorlage "gleichsam als Steinbruch" (92). Dabei zeigt sich, dass der jeweilige Rezeptionskontext genauso variierte wie die Gebrauchssituationen und das ansatzweise zu rekonstruierende spirituelle Umfeld der Entstehung. Obwohl also jeweils der gleiche lateinische Text vorlag, entstand durch die Hinzunahme von "pastoralen oder erbaulichen Gedanken, sprachlichen Bildern, Beispielen, biblischen Exempla und sonstigen Exkursionen" (159) ein je neuer und eigener Text. So weist die im süddeutsch-oberösterreichischen Raum zu verortende 'Predigt von der Minne zu Gott' (95-104) eine einfache Sprache auf und konzentriert sich auf die Vermittlung konkreter Glaubensinhalte. Die aus dem schweizerischen Engelberg stammende Doppelpredigt (105-117) hingegen kennzeichnen ein anspruchsvollerer Sprachstil und eine inhaltliche Ausrichtung auf das Leben im Nonnenkloster. Die insbesondere in der Gegend um Nürnberg nachweisbare 'Predigt von den zehn Graden der Liebe' (119-132) wertet die Autorin zu Recht als die elaborierteste Predigt, da sie von den als Adressatinnen vermuteten Nürnberger Dominikanerinnen Latein- sowie Theologiekenntnisse voraussetzte (160). Im Falle der mittelniederländischen 'X trapkijns vander mynnen' (133-152) können sodann Einflüsse der Devotio moderna ausgemacht werden, während die Aufnahme in die 'Spruchsammlung Staffel göttlicher Lieb' (153-158) und hier im Rahmen eines Gebetbuchs noch einen zusätzlichen Rezeptionsfall darstellt.

Zugunsten einer Edition der diskutierten Texte verzichtete die Autorin auf "Interpretationen der zumeist theologisch-pastoralen Inhalte" oder auf "eine tiefergehende philosophiehistorische Analyse" (11). So nachvollziehbar diese Entscheidung ist, so ist doch überraschend, dass angesichts der verschiedentlich nachgewiesenen volkssprachlichen Rezeption innerhalb von Frauenklöstern der Name Marguerite Porète nicht wenigstens einmal Erwähnung findet. Schließlich hat die französische Begine doch nur wenige Jahre nach Helwicus mit ihrem 'Spiegel der einfachen Seelen' (französisch: Le Mirouer des simples âmes [ 2 ]) ein ganz ähnliches Projekt verfolgt, nur dass sie nicht von zehn, sondern lediglich von sechs Stufen schreibt. Die statt weiterer Erörterungen zu findenden Texteditionen stellen jedenfalls einen Gewinn dar und sind von philologischer Gründlichkeit gekennzeichnet. Sorgfältige Apparate zur Textkritik und zu Anmerkungen erschließen die Texte - teilweise erstmals - in vorbildlicher Manier.

Die Arbeit von Janz-Wenig stellt damit einen wertvollen Beitrag zur Erforschung der spätmittelalterlichen Predigt dar und bietet einen einfachen Zugang dank eines umfangreichen Anhangs. So erleichtern Register zu Personen, Werken, Orten und Sachen (357-372) sowie zu zitierten Bibelstellen (372-376), Repertorien und Analecta Hymnica (376), zuletzt auch zu Handschriften (376-379) und Drucken (380) gezielte Textuntersuchungen. Auch wenn der fälschlicherweise mit einem 'ö' bedachte Hamburger Mediävist Hans-Werner Goetz bisweilen etwas irritieren mag, hat die Autorin insgesamt alles getan, um ihrem Ziel, die Arbeit möge "als Basis für weitere Untersuchungen" (12) dienen, die beste Ausgangssituation zu verschaffen.


Anmerkungen :

[ 1 ] Vgl. Regina D. Schiewer und Hans-Jochen Schiewer: Predigt im Spätmittelalter, in: Textsorten und Textallianzen um 1500, hg. von Mechthild Habermann, Jörg Meier, Alexander Schwarz, Franz Simmler, Claudia Wich-Reif und Arne Ziegler, hier: Handbuch, Teil 1: Literarische und religiöse Textsorten und Textallianzen um 1500, hg. von Alexander Schwarz, Franz Simmler und Claudia Wich-Reif (= Berliner sprachwissenschaftliche Studien; 20), Berlin 2009, 727-771, hier: 746.

[ 2 ] Vgl. Speculum simplicium animarum. Le mirouer des simples âmes, hg. von Romana Guarnieri und Paul Verdeyen (= Corpus christianorum. Continuatio Mediaevalis; 69), Turnhout 1986.