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  • Metadaten

    • Dokumenttyp
      Rezension (Monographie)
      Zeitschrift
      sehepunkte
      Autor (Rezension)
      • Möllers, Heiner
      Sprache (Rezension)
      Deutsch
      Sprache (Monographie)
      Deutsch
      Autor (Monographie)
      • Sonne, Werner
      Titel
      Leben mit der Bombe
      Untertitel
      Atomwaffen in Deutschland
      Erscheinungsjahr
      2018
      Erscheinungsort
      Heidelberg
      Verlag
      Springer-Verlag
      Umfang
      X, 203
      ISBN
      978-3-658-17616-7
      Thematische Klassifikation
      Politikgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
      Zeitliche Klassifikation
      20. Jahrhundert
      Regionale Klassifikation
      Europa → Westeuropa → Deutschland
      Schlagwörter
      Kernwaffe
      Stationierung
      Deutschland
      Original URL
      http://www.sehepunkte.de/2018/10/31614.html
      recensio.net-ID
      de81378b7ecc4376b4761d3fb27aba74
      DOI
      10.15463/rec.1628379804
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Werner Sonne: Leben mit der Bombe. Atomwaffen in Deutschland (rezensiert von Heiner Möllers)

sehepunkte 18 (2018), Nr. 10

Werner Sonne: Leben mit der Bombe

Seit 1957 ist die Bundeswehr in die nukleare Teilhabe der NATO eingebunden. Sie stellt bis heute Jagbomber als Träger für US-amerikanische Atombomben, und sie stellte auch früher Flugzeuge, Raketen und Artilleriegeschütze dafür bereit. Die entsprechenden Waffen werden heute offensichtlich lediglich in Büchel in der Eifel gelagert - ein Sachverhalt, der von offiziellen Stellen weder bestätigt noch dementiert wird. Bereits seit Ende der 1940er Jahre dürften wenigstens die US-Streitkräfte in Deutschland über Atomwaffen verfügt haben. Seit 1989/90 hat sich das drastisch geändert: Amerikaner, Briten und Franzosen haben bis auf wenige, nicht bekannte Ausnahmen, alles an Atomwaffen abgezogen. Die zahllosen Lagerstätten für die Sonderwaffen sind bekannt und heute auf entsprechenden Internetseiten sichtbar ( www.atomwaffena-z.info/ ).

Angesichts der Debatten um nordkoreanische Atomwaffenpläne, den Iran-Atomdeal und die wirre Politik des US-Präsidenten Donald Trump rücken Nuklearwaffen in den Fokus von Debatten, die teilweise von Politikern, Militärs, Politikwissenschaftlern und Historikern weitab der breiten Masse der Gesellschaft geführt werden.

Gerade recht kommt da das Buch des früheren ARD-Journalisten Werner Sonne "Leben mit der Bombe", das sich so gar nicht wie die Story von Dr. Strangelove liest, sondern wie ein Lesebuch, das viele Zeitzeugen zu Wort kommen lässt. Sonne beschreibt in kurzen, gut lesbaren Häppchen die Geschichte der Nuklearwaffen in Deutschland (Ost und West!). Angefangen von den oftmals und auch leider hier zugespitzt beschrieben Vorstellungen und Zielen von Bundeskanzler Adenauer, der in Nuklearwaffen eine Weiterentwicklung der Artillerie sah (oder es wenigstens so verklärte), über Jetpiloten der Bundeswehr, die in den 1960er Jahren den STRIKE-Einsatz (Atomwaffeneinsatz) als täglich Brot lernten, und ihn nachts runterbeten konnten, bis hin zu den virtuellen WINTEX-Übungen der NATO, die allzu oft in der angedeuteten atomaren Apokalypse endeten.

Ohne den Anspruch, ein wissenschaftlich in allen Details überprüfbares Werk anzubieten, das alles so beschreibt, wie es wirklich gewesen sein soll, leistet Sonne Bemerkenswertes: Er bricht die Existenz der Atomwaffen, auf denen die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland seit 1949 ruhte, in gut verständlicher Form herunter. Alle angebotenen Episoden lassen sich mit etwas Fleiß in der zum Thema vorhandenen überbordenden Experten- und Wissenschaftsliteratur nachvollziehen. Insofern genügt dieses Werk als Einstieg, um den militärpolitischen Wert von Nuklearwaffen für die NATO und die Bundesrepublik, ihre Auswirkungen auf Soldaten und militärisch-politische Entscheidungsträger sowie "Zaungäste" im Umfeld der Flugplätze nachzuvollziehen.

Der mit etwas Sachkenntnis ausgestattete Historiker dagegen legt dieses Buch mit ambivalentem Grummeln an die Seite. Vieles ist so vereinfacht, dass die Fakten und Zusammenhänge verschwimmen. Zeitzeugen werden genannt, aber zeitlich falsch eingeordnet. Wichtige Hintergründe werden ausgespart - wieso auch immer.

Beispiel 1: In den FALLEX und späteren WINTEX-Übungen testete die NATO Verfahren und Fernmeldeverbindungen. Ab 1966 waren dabei auch Politiker eingebunden, als Rumpfparlament im Regierungsbunker in der Eifel. Dazu gibt es wenigstens die einprägsamen Erinnerungen des FDP-Bundestagsabgeordneten Wolfram Dorn, der zwar genannt, aber auf dessen Buch [ 1 ] leider nicht verwiesen wird. Dann beschreibt Werner Sonne WINTEX 87 und nennt General Klaus Naumann als Zeitzeugen, verwechselt dies aber mit WINTEX 89. Diese Übung wurde infolge des "Follow-on-Use" von Atomwaffen, also des "Zweiteinsatzes", seitens der Bundesregierung abgebrochen. Darüber schrieben in den Folgemonaten zahlreiche Zeitungen, und wenigstens der Spiegel ist dazu bis heute online abrufbar. Selbst die bei Generalen der Bundeswehr ambivalente Haltung zu Nuklearwaffen, die nicht zuletzt der Historiker Klaus Naumann herausgearbeitet hat [ 2 ], wird nur schwer erkennbar - und auch dieses Werk findet sich nicht in der Literaturliste.

Beispiel 2: Breite Darstellung findet der NATO-Doppelbeschluss, als dessen geistiger Vater Bundeskanzler Helmut Schmidt gilt. Der 1977 durch seine Rede vor dem Londoner International Institute for Strategic Studies ausgelöste Prozess führte im Dezember 1979 zu einem Doppelbeschluss der NATO und ab 1983 zur Stationierung neuer amerikanischer Mittelstreckenwaffen in Europa. Dass aber diese Modernisierung von Mittelstreckensystemen bereits um 1970 in der Nuclear Planning Group thematisiert worden sein muss und 1975 im US-Kongress bereits Gelder für die Weiterentwicklung und Produktion von Cruise Missiles und Pershing II bereitgestellt wurden [ 3 ] findet sich nirgendwo!

Beispiel 3: Noch fragwürdiger wird es allerdings, wenn Sonne im Zuge seiner Abhandlungen zur Friedensbewegung gegen die "NATO-Nachrüstung" - die ja eben keine Nachrüstung war! - es so erscheinen lässt, als sei die wirkmächtige Friedensbewegung von der Stasi der DDR unterwandert gewesen. Dies mag in Teilen so gewesen sein, verkürzt die tatsächliche Lage aber unzulässig. Zudem war die Friedensbewegung genau so wenig allein repräsentativ für die Bundesrepublik: Die Bundestagswahl im März 1983 und Landtagswahlen mit deutlichen Ergebnissen für die CDU sprechen da eine andere Sprache.

Man kann solche Kritik als Beckmesserei abtun. Aber dem Buch leistet man damit keinen Dienst. Hier wird das "Leben mit der Bombe" zwar flüssig, aber oberflächlich dargestellt. Auf einschlägige Fachliteratur wird der am Thema Interessierte nicht verzichten können. Dennoch fehlt immer noch eine Abhandlung, die die militärischen und militärpolitischen Hintergründe in Ost und West akkurat und allgemeinverständlich offenlegt.


Anmerkungen :

[ 1 ] Wolfram Dorn: So heiß war der kalte Krieg. Fallex 66, Köln 2002.

[ 2 ] Klaus Naumann: Generale in der Demokratie. Generationsgeschichtliche Studien zur Bundeswehrelite, Hamburg 2007.

[ 3 ] Vgl. dazu Leopoldo Nuti: The Origins of the 1979 Dual Track Decision - A Survey. in: The Crisis of Détente in Europe. From Helsinki to Gorbachev, 1975-1985, ed. by id., London 2009, 57-71.

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