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  • Metadaten

    • Dokumenttyp
      Rezension (Monographie)
      Zeitschrift
      sehepunkte
      Autor (Rezension)
      • Gindhart, Marion
      Sprache (Rezension)
      Deutsch
      Sprache (Monographie)
      Deutsch
      Autor (Monographie)
      • Bähr, Andreas
      Titel
      Der grausame Komet
      Untertitel
      Himmelszeichen und Weltgeschehen im Dreißigjährigen Krieg
      Erscheinungsjahr
      2017
      Erscheinungsort
      Reinbek
      Verlag
      Rowohlt Verlag
      Umfang
      304
      ISBN
      978-3-498-00679-2
      Thematische Klassifikation
      Militär- und Kriegsgeschichte
      Zeitliche Klassifikation
      Neuzeit bis 1900 → 17. Jh.
      Regionale Klassifikation
      Europa → Westeuropa → Deutschland
      Schlagwörter
      Deutschland
      Dreißigjähriger Krieg
      Deutung
      Astrologie
      Kriegsprophetie
      Geschichte 1618-1648
      Original URL
      http://www.sehepunkte.de/2018/12/31302.html
      recensio.net-ID
      cce60b968de3412384de11bfbe998e58
      DOI
      10.15463/rec.396682450
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Andreas Bähr: Der grausame Komet. Himmelszeichen und Weltgeschehen im Dreißigjährigen Krieg (rezensiert von Marion Gindhart)

sehepunkte 18 (2018), Nr. 12

Andreas Bähr: Der grausame Komet

Unter den Publikationen zum Dreißigjährigen Krieg bewegt sich "Der grausame Komet" formal wie konzeptionell auf einer ganz eigenen Bahn:

Andreas Bähr kreuzt in seinem Buch diverse Stilkonventionen (etwa der populären Wissenschaftsprosa und des Historienromans) und bedient sich einer auktorialen Erzählinstanz, die ihre kolloquial gehaltene Narration mit methodischen Reflexionen, kontextualisierenden Erläuterungen oder auch Exkursen anreichert und zahlreiche Akteure des 17. Jahrhunderts zu Wort kommen lässt. Die Ereignisgeschichte wird dabei an Prodigien, Wundern, Visionen und Träumen enggeführt. Damit folgt Bähr einer frühneuzeitlichen Strukturierungs- und Deutungsmöglichkeit von Geschichte, wie sie etwa in den Kometenkatalogen mit ihren listenden Zuordnungen von präludierenden Zeichen und historischen 'Folgen' oder in auserzählten Formen prodigiös gegliederter Vergangenheit begegnet. Hauptreferenztexte sind Ego-Dokumente und chronikale Schriften, aber auch diverse andere zeitgenössische Texte, in denen die imposante Kometenerscheinung von 1618/19 verhandelt wird oder Schlüsselereignisse des folgenden Krieges reflektiert und literarisch geformt werden.

Die literarische Dynamik des Werkes spiegeln bereits die pointierten Schlagzeilen, mit denen die acht Kapitel im Inhaltsverzeichnis untergliedert sind. Das wissenschaftliche Gerüst dahinter legt der ausführliche Anhang frei. Die Kapitel bilden dabei drei größere Komplexe:

Ein erster Teil fokussiert den Winterkometen, der durch seine retrospektive Deutung als Vorbote des Dreißigjährigen Krieges in das kollektive Gedächtnis eingegangen ist. Bähr entwickelt aus zeitgenössischen Observationsberichten narrative Miniaturen und zeichnet so ein plastisches Bild von den ersten Sichtungen und den folgenden Beobachtungen. Gezeigt wird dann, wie die traditionelle Bedeutungsaufladung der Kometen als Unglückszeichen und göttliche Kommunikationsmedien die Lesung des folgenden Krieges als Strafe für die sündigen und unbußfertigen Menschen steuerte. Wie plural sich das Kometenwissen im 17. Jahrhundert gestaltete und wie die Kometen in den diversen Weltsystemen verortet wurden, wird auf der Basis einschlägiger Literatur ebenso skizziert wie die Brisanz, die Voraussagen selbst ernannter Propheten wie Johannes Faulhaber besaßen. Entsprechender Raum wird hier dem Ulmer Kometenstreit eingeräumt - und der gedruckten Kometenpredigt Konrad Dieterichs, die im 3. Kapitel als Scharnier zu den Selbstzeugnissen und Chroniken aus dem Dreißigjährigen Krieg und somit zum zweiten Teil des Buches fungiert:

Die Predigt hatte unter anderem der schwäbische Schuster Hans Heberle gelesen, der in seinem "Zeytregister" versucht, über die Evidenz der Ereignisse die Bedeutung des Kometen festzuschreiben. Davon ausgehend kreuzt Bähr die Ereignisgeschichte mit der in verschiedenen Zeugnissen materialisierten und geformten Alltagserfahrung, die den Blick auf diverse Lebensläufe freigibt und über personalisierte Geschichte(n) ausgewählte Stationen des Dreißigjährigen Krieges und die Deutung der von Gewalt und Desillusion geprägten Gegenwart exemplarisch erfahrbar macht. So gewährt etwa das "Kleine Biechlin" des calvinistischen Zinngießers Augustin Güntzer spannende Einblicke in dessen Wanderleben vor und nach Kriegsbeginn (insb. die Zeit im "papistischen" Italien) und die darauf folgenden, wechselhaften Lebensabschnitte in der elsässischen Heimat; gleichzeitig mahnt die konfessionspolemische Färbung dieser Autobiographie aber auch, sich bei der Lektüre ihre intentionale Ausrichtung zu vergegenwärtigen. Dies gilt ebenso für die Chronik des Zisterziensers Sebastian Bürster, in der dieser die changierende Geschichte des Salemer Konvents während des Krieges im Spannungsfeld von Prodigien, Wundern und Teufelserscheinungen niederschreibt. Mit den Texten und begleitend zu ihnen kommt der Leser in Kontakt mit der Anfangszeit des Krieges und zentralen Kampfhandlungen, dem Restitutionsedikt und seinen Folgen, dem Kriegseintritt Schwedens und den Schicksalen von Städten wie Magdeburg, Würzburg (mit Athanasius Kirchers berühmter Vision) und Augsburg, der Zeit nach dem Prager Frieden und schließlich dem Westfälischen Frieden und dem Nürnberger Exekutionstag. Eine Zeitspanne, begleitet und geleitet von Prodigien aller Art, denen der Winterkomet als Kriegsbote vorausgegangen war.

Jüngeren literarischen Reminiszenzen an diesen widmet sich der letzte Teil des Buches, der mit C/1913 Y1 zudem einen weiteren 'Kriegskometen' in den vergleichenden Blick rückt. Dieser war zu Beginn des Ersten Weltkrieges mit bloßem Auge sichtbar und konnte, wie Bähr zeigt, anfänglich noch als positives Zeichen gedeutet werden und zwar für einen Krieg, der als notwendiger Läuterungsprozess Europas begrüßt wurde.

Zu den Ausführungen über den Winterkometen sei folgendes bemerkt: Der Gegensatz Astronomie-Theologie (21: "Astronomen stritten mit Theologen") mag in der Verkürzung missverständlich sein: Zunehmend unter Kritik gerät das maßgeblich auch von protestantischen Theologen getragene aristotelische Kometenmodell und die Auseinandersetzung darüber lässt sich 1618/19 als zentrale Kontroverse greifen. Die Theologie ist als Leitdiskurs das übergeordnete Wissenssystem der Zeit, an das die Naturwissenschaft (noch) angebunden bleibt. Für Astronomen wie Johannes Kepler sind die Allmacht und die Kommunikationsabsichten Gottes (so auch Bähr) gültige und nötige Prinzipien. Ob Kometen außer- oder übernatürliche Phänomene sind, wird schon vor ihm diskutiert (49f.; zudem: 33 und 35 zeigen Holzschnitte, keine Kupferstiche; die Bahn von 1P/Halley (40) ist gegenläufig gelesen).

Plurales Kometenwissen wird in parallel existenten Diskursen in einer Fülle von Drucken verhandelt, für die freilich nicht nur Astronomen verantwortlich zeichnen (11). Breit rezipiert wurden schnell produzierte, kurze, volkssprachige Flugschriften und nicht der umfangreiche, erst 1619 erschienene lateinische Kometentraktat von Kepler (ebd.). Die Deutung des Kometen bleibt in diesen Schriften (auch zensurabhängig) zumeist recht unspezifisch, Krieg ist dabei eine der drohenden Landstrafen. Bisweilen wird die aktuelle Lage in Böhmen erwähnt und mit einer möglichen Kriegsentwicklung in Verbindung gebracht. Die Junktur des Kometen mit dem Dreißigjährigen Krieg erfolgt retrospektiv, und er scheint doch eher (wie in den Kometenkatalogen) als Vorbote und nicht als initialer Teil desselben bewertet worden zu sein. Eine apokalyptische Deutung ist in der Kometenliteratur von 1618/19 selten (21): Nachdem sich die lutherische Naherwartung nicht erfüllt hatte, wurden die Kometen wieder vermehrt als Künder weltimmanenter Folgen gelesen. Chiliastische Erwartungen wie die Faulhabers dürften dabei nicht unter timor servilis fallen (69), eher die Reaktionen seiner Rezipienten.

Dies nur zur Ergänzung. Das Experiment jedenfalls, die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges in Engführung an diversen (Himmels-)Zeichen und auf Basis zeitgenössischer Stimmen schlaglichtartig zu erzählen, ist geglückt. Die Einbindung der zahlreichen, zumeist frühneuhochdeutschen Begriffe und Textstücke in die Narration bewirkt einen 'Sog' des Lesers in die Geschichte bzw. in die Geschichten und in die Vergangenheits- und Gegenwartsdeutung einzelner Akteure. Ohne diesem Abbruch zu tun, hätte man noch etwas dezidierter auf einen kritischen Umgang mit Selbstzeugnissen verweisen können. Bähr verfügt souverän über die Materie und versteht es, mit einigem Understatement (manchmal vielleicht etwas lässig) breites und gut kontextualisiertes Wissen zu vermitteln, das sich der Leser fast en passant aneignen kann.