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  • Metadaten

    • Dokumenttyp
      Rezension (Monographie)
      Zeitschrift
      sehepunkte
      Autor (Rezension)
      • Jöchner, Cornelia
      Sprache (Rezension)
      Deutsch
      Sprache (Monographie)
      Deutsch
      Autor (Monographie)
      • Albrecht, Stefan
      • Wilke, Thomas
      Titel
      Turin
      Untertitel
      Die Erfindung der Hauptstadt. Frühbarocke Stadtplanung der Herzöge von Savoyen
      Erscheinungsjahr
      2017
      Erscheinungsort
      Petersberg
      Verlag
      Michael Imhof Verlag
      Reihe
      Schriften des Instituts für Archäologie, Denkmalwissenschaften und Kunstgeschichte
      Reihennummer
      3
      Umfang
      208
      ISBN
      978-3-7319-0484-7
      Thematische Klassifikation
      Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte
      Zeitliche Klassifikation
      Neuzeit bis 1900 → 16. Jh., Neuzeit bis 1900 → 17. Jh.
      Regionale Klassifikation
      Europa → Südeuropa → Italien
      Schlagwörter
      Turin
      Architektur
      Stadtentwicklung
      Stadtplanung
      Geschichte 1563-1700
      Original URL
      http://www.sehepunkte.de/2019/01/30298.html
      recensio-Datum
      22.01.2019
      recensio-ID
      80996b70c4a5407793caa948583e0d23
      DOI
      10.15463/rec.1401424911
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Stefan Albrecht / Thomas Wilke: Turin. Die Erfindung der Hauptstadt. Frühbarocke Stadtplanung der Herzöge von Savoyen (rezensiert von Cornelia Jöchner)

sehepunkte 19 (2019), Nr. 1

Stefan Albrecht / Thomas Wilke: Turin

Anlass der hier vorzustellenden Monografie war ein bislang unbekanntes Konvolut der Staatlichen Graphischen Sammlung in München mit Zeichnungen zu baulichen Aktivitäten in Turin. Dieser Fund begründete ein Projekt, das 2011-2014 durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert worden war. Beides, der Fund wie auch die Förderung, sind wichtige Rahmenbedingungen der Publikation, die ohne diese vermutlich anders aussehen würde. Denn die beiden Untertitel des Buches bilden eine weite Klammer für dessen eigentlichen Gegenstand: einundzwanzig Architekturzeichnungen, welche die Autoren erforschten und die sie dem Themenbereich "Ausbau von Turin als Hauptstadt des Hauses Savoyen" zuordneten. Im Konvolut, das durch Recherchen zum Datenbankprojekt "Lineamenta" der Bibliotheca Hertziana (Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte in Rom) gefunden wurde, liegen weitere, nicht Turin betreffende Architekturzeichnungen, die separat veröffentlicht werden sollen.

Drei Komplexen widmen sich Stephan Albrecht und Thomas Wilke anhand der in der Monografie publizierten Zeichnungen: dem Residenzschloss der Herzöge von Savoyen, der Kapelle des Hl. Grabtuches (Cappella SS. Sindone) am Turiner Dom sowie weiteren Bauten in und außerhalb der Residenzstadt. Dies zeigt sich im Aufbau des üppig illustrierten Buches: Der Palastbereich und die Grabtuch-Kapelle bilden eigenständige Kapitel, alle übrigen Zeichnungen rechnen die Autoren dem etwa sechzig Seiten umfassenden Eingangsteil zur städtebaulichen Entwicklung zu. Ein kürzeres Schlusskapitel unter dem Titel "Die Erfindung der Hauptstadt" schlägt den Bogen zurück zur Urbanistik. Das Material liegt also in den gefundenen Architekturzeichnungen, die jeweils in einen größeren Zusammenhang gebracht werden sollen.

Fünf neu publizierte Zeichnungen betreffen den Bereich der Residenz, der zunächst insbesondere in dem für Herzog Vittorio Amedeo I. (1587-1637) umgebauten Palazzo deutlicher zutage tritt. Nördlich des Doms errichtet, ist der seinerzeit sogenannte Palazzo S. Giovanni, der Umbau eines Teils des alten Bischofspalastes, bisher nur in wenigen Bildquellen bekannt und wenig erforscht. Albrecht und Wilke können aus dem Münchner Konvolut den Grundriss für das erste Obergeschoss, die geplante westliche Erweiterung sowie zwei Fassadenaufrisse neu in die Diskussion bringen. Insgesamt fallen diese Entwürfe in die Zeit nach 1632, als nach dem Ende der Pest und dem Frieden von Cherasco Vittorio Amedeo I. offiziell den Titel eines Königs von Zypern annahm und so die stets angestrebte Rangerhöhung der savoyischen Herzöge in den Königsstand als erster realisierte. Die Umbaupläne für den Gartenflügel im Palazzo Vittorio Amedeo I. (von den Autoren datiert auf 1633-1637) zeigen im ersten Obergeschoß eine sich über Eck erstreckende, siebenteilige Raumfolge mit Enfilade und großem Saal, deren mögliche Zugehörigkeit und Funktion leider nicht erörtert wird. In Anlehnung an die Forschung von Elisabeth Wünsche-Werdehausen (auf die nicht zurückgegriffen wird) [ 1 ] wäre etwa interessant zu fragen, welches Appartement sich hier abbildet: das provisorische Staatsappartement des nun mehr im Rang erhöhten Herzogs oder das seiner aus königlichem Geblüt stammenden Gattin, Cristina von Bourbon, die in Turin das französische Zeremoniell einführte und damit möglicherweise die Anzahl, Abfolge und Nutzung der Räume veränderte.

Stephan Albrecht und Thomas Wilke geht es bei der Erforschung der neuen Zeichnungen primär um eine, wenn auch profund vorgetragene, architekturhistorische Einordnung mit Fokus auf Bauchronologie. Dies entspricht noch immer einem Großteil der Forschung zur Turiner Architektur und Urbanistik, die häufig auf Rekonstruktion, weniger auf Semantiken sozialer Nutzung, Funktion, Repräsentation und Medialität zielt. So bleibt beispielsweise die Frage offen, wem die - nach französischem System spiegelsymmetrisch angeordneten Appartements in dem anonymen (Amedeo di Castellamonte?) Grundriss des Obergeschosses im neuen Palazzo Reale - gewidmet waren, wenn dieser Entwurf erst nach 1640/42 und damit nach dem Tod Herzog Vittorio Amedeo I. (1637) entstanden sein soll? Hier zeigt sich weniger ein Manko des wissenschaftlichen Ansatzes der Autoren als vielmehr der Konzeption ihres Buches, denn die neu gefundenen Zeichnungen werden präzise und anschaulich analysiert sowie in Entstehungszusammenhänge eingeordnet. Doch angesichts des heutigen Forschungsstands führt die anfangs beschriebene Gliederung zu sehr in die Breite, anstatt durch Konzentration Raum für vertiefende Interpretationen zu schaffen. Ganz sicher ist richtig, dass keine Kunstgeschichte des vormodernen Turins ohne die savoyische Städtebaupolitik auskommt. Da aber auch international inzwischen eine gute Forschungslage zu Turin besteht, wünscht man sich von heutigen Studien den Städtebau nicht mehr nur als historischen Rahmen, sondern methodisch in konkrete Fragestellungen eingebunden.

Wie sehr natürlich andererseits die Analyse eines solchen Fundes auf Einordnung, Chronologie und Fragen der Entstehung angewiesen ist, zeigt das Beispiel der Kapelle des Hl. Grabtuches. Das diesbezügliche Kernstück der Münchner Sammlung ist ein fast zwei Meter messender Plan, der bisher als verschollen galt. Er enthält zahlreiche Tekturen (Überklebungen) und somit Alternativen für den Grund- wie auch den Aufriss. 1612 von Herzog Carlo Emanuele I., den Erbprinzen sowie Kardinal Maurizio von Savoyen approbiert, weist das Projekt von Ascanio Vitozzi, dem ersten Hofarchitekten Turins, auf der Zeichnungsrückseite eine Proportionsskizze auf. Der engere analytische Zugriff der Autoren, die Architekturzeichnung in ihrer ganzen Materialität und handwerklichen Kunst zu begreifen, macht diese frühe Planung der Capella SS. Sindone erstmals nachvollziehbar. Durch die zeichnerische Darstellung von Gebälk tragenden Säulenstellungen auf Piedestalen, alternierend mit Wandfeldern und Nischen, sollte eine adäquate Architektur für diese hohe Reliquie ermittelt werden. Die Autoren rekonstruieren aufwendig die verschiedenen Varianten der Tekturen. Durch Vergleich mit einer anderen Zeichnung Vitozzis für das Santuario di Vicoforte, der ersten Grablege des Hauses Savoyen in Mondovì, hinterfragen sie die Realisierbarkeit des Projekts. Offen bleibt aber, wie in diesem Raum - exakt auf der Nahtstelle zwischen Domchor und Herzogspalast - die Präsentation des Grabtuches stattgefunden hätte. Die Lücke steht im Kontrast zu dem Rekonstruktionsaufwand, den das Buch mit dem "Riesenplan" betreibt, wobei Vitozzis Plan allerdings auch nicht realisiert wurde. Erst die um 1620 folgenden Entwürfe von Carlo di Castellamonte sahen für die Präsentation wohl eine erhöhte Wandnische vor. Schließlich verbanden zwei spätere Entwürfe von Amedeo di Castellamonte (1655) aus dem Münchner Konvolut die architektonische Planung mit der Weisung der Reliquie: Dies sollte ein Doppelaltar einerseits in Richtung Dom, andererseits in Richtung Palast ermöglichen. In einem letzten Versuch wurde dabei die 1612 angewandte Grundrissform des Ovals aktualisiert. Die letzte der Münchner Zeichnungen zeigt, wie sehr der über achtzig Jahre zu beobachtende herzogliche Zugriff auf die Präsentation des Grabtuchs als räumliche Machtstrategie betrieben wurde: Das Fußbodenniveau der Capella SS. Sindone im Dom wurde auf die Ebene des Piano nobile im Herzogspalast angehoben! Von dort gab es nicht nur einen direkten Zugang in die ab 1667 vollendete Kapelle, sondern auch die Weisung der Reliquie gegenüber der Gemeinde im Dom erfolgte wörtlich "von oben" aus - ebenso wie letztlich in der ausgeführten Version von Guarini.

Derartige Beanspruchungen von Raum, teilweise in jahrzehntelangen Aushandlungsprozessen des Hofes mit anderen gesellschaftlichen Institutionen errungen, scheinen - wie hier exemplarisch herausgegriffen - durch das Buch von Stephan Albrecht und Thomas Wilke oft hindurch. Der Faden hätte sich kräftiger knüpfen lassen, wenn die Auswahl an veröffentlichten neuen Zeichnungen stärker den Palastkomplex fokussiert hätte, um so Fragen der Nutzung, Funktion und deren Bedeutung zu vertiefen. Denn bezüglich des in den beiden Untertiteln doppelt indizierten Städtebaus sind neue Ergebnisse rar: Das Argument von Turin als der "Erfindung der Hauptstadt" besteht seit Langem [ 2 ], die im Schlusskapitel gemachte Rückführung der Stadtgestalt Turins auf den Städtebautraktat von Pietro Cataneo wirkt verengend und widerspricht den zuvor gezeigten, schwierigen räumlichen Prozessen in der Stadt. Sicher aber erhält man über den Weg, für den sich die beiden versierten Autoren entschieden haben, eine gewinnbringende Lektüre bezüglich der komplizierten Planungsgeschichte des großen Palastbereichs in Turin, zu dem die Kapelle des Hl. Grabtuches essentiell gehört. Und nicht zuletzt ist hier schlagend der Beweis erbracht, dass die Architekturzeichnung - wenn sie denn so gekonnt gelesen wird wie von Stephan Albrecht und Thomas Wilke - ein Medium ist, das zu einem kunsthistorischen Zugang zu Architektur unverzichtbar gehört.


Anmerkungen :

[ 1 ] Elisabeth Wünsche-Werdehausen: Ceremonial and Cultural Interplay in Conflict? Palace Architecture of the Savoyans in Turin, in: Court Residences in Early Modern Europe (1400-1700). Architecture, Ceremony and International Relations. Proceedings of the 2nd International Conference of the European Architectural History Network, hgg. von Hilda Heynen / Jannina Gosseye, Brüssel 2012, 80-84.

[ 2 ] Erstmalig aufgebracht von Giulio Carlo Argan: Das Europa der Hauptstädte 1600-1700, Genf 1964, fortgesetzt von Vera Comoli Mandracci / Costanza Roggero Bardelli / Andrea Barghini: Turin. Die Erfindung einer barocken Hauptstadt des Absolutismus, in: "Klar und lichtvoll wie eine Regel". Planstädte der Neuzeit, hg. von Michael Maaß, Ausst.kat. Landesmuseum Karlsruhe 1990, 133-142; für den Zusammenhang von fürstlicher Residenz- und Festungsstadt vgl. Cornelia Jöchner: Gebaute Entfestigung. Architekturen der Öffnung im Turin des frühen 18. und 19. Jahrhunderts (Habil.schrift Univ. Hamburg 2012) (= Studien aus dem Warburg-Haus; Bd. 14), Berlin / München / Boston 2015, 28-37.