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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (review)
      • Rudolph, Harriet
      Language (review)
      Deutsch
      Language (monograph)
      Deutsch
      Author (monograph)
      • Hanß, Stefan
      Title
      Die materielle Kultur der Seeschlacht von Lepanto (1571). Materialität, Medialität und die historische Produktion eines Ereignisses
      Subtitle
      Materialität, Medialität und die historische Produktion eines Ereignisses
      Year of publication
      2017
      Place of publication
      Würzburg
      Publisher
      Ergon
      Series
      Istanbuler Texte und Studien
      Series (vol.)
      38
      Number of pages
      1006
      ISBN
      978-3-95650-264-4
      Subject classification
      Military History
      Time classification
      Modern age until 1900 → 16th century
      Regional classification
      Europe → Southern Europe → South Eastern Europe → Greece
      Subject headings
      Seeschlacht von Lepanto
      Sachkultur
      Rezeption
      Geschichte
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2019/04/32052.html
      recensio.net-ID
      7af65be82f6742758271fbacd3d1977f
      DOI
      10.15463/rec.1843702759
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Stefan Hanß: Die materielle Kultur der Seeschlacht von Lepanto (1571). Materialität, Medialität und die historische Produktion eines Ereignisses (reviewed by Harriet Rudolph)

sehepunkte 19 (2019), Nr. 4

Zur Seeschlacht von Lepanto (1571)

In seinen beiden umfangreichen, in einem Zeitraum von zehn Jahren entstandenen Studien widmet sich Stefan Hanß der Frage, wie die Seeschlacht von Lepanto in unterschiedlichen Regionen Europas und teils auch der Welt in ihrer Ereignishaftigkeit und ihrer historischen wie heilsgeschichtlichen Bedeutung konstruiert wurde. Unter dem Stichwort "dezentrierende Geschichte" geht es dem Autor um die Vielfalt der Lepanto-Ereignisse samt ihren je nach Ort sehr variablen Konstitutionsbedingungen und Funktionalisierungen durch unterschiedliche Akteursgruppen. Methodisch orientieren sich beide Studien an neueren kulturgeschichtlichen und mikrohistorischen Ansätzen mit ihrem Fokus auf dem Konstruktionscharakter der Geschichte, einer klaren Akteurszentrierung sowie der Analyse sozialer Praktiken - mit all den erhellenden Untersuchungsperspektiven, die diese Zugänge bieten, aber auch spezifischen Problemen, die im Folgenden punktuell adressiert werden.

In der langen Einleitung der ersten Studie, die hier ausführlicher thematisiert wird, weil sich die Darstellungsformen in beiden Studien trotz unterschiedlichem Fokus ähneln, setzt sich der Autor zunächst mit der intensiven Instrumentalisierung des Ereignisses im Rahmen der historischen Forschung, aber auch in populären Diskursen auseinander. Dies geschieht vor allem mit Blick auf die Topoi der "Türkenfurcht" und der "Türkengefahr" (17-41). Herausgearbeitet wird das immer noch dominante Narrativ eines glorreichen Sieges der "Christen gegen die Türken". Dass gerade die jüngere Forschung das militärische Ereignis und seine innen- und außenpolitischen Folgen deutlich differenzierter betrachtet und keineswegs mehr allgemein in bipolaren Deutungsmustern verharrt, wird hier ausgespart, auch wenn an anderer Stelle kurz noch darauf hingewiesen wird (47). Die Ausführungen zur Methode konzentrieren sich auf den der Arbeit zugrundeliegenden Ansatz einer histoire de l'événement im Sinne einer Rekonstruktion der Ereignisproduktion als Geschichtskonstruktion oder umgekehrt (42-71). Spätestens jetzt würde man eine Auseinandersetzung mit dem Forschungsstand zum Thema im engeren Sinne erwarten. Schließlich haben Historiker-, Literaturwissenschaftler- und Kunsthistorikerinnen die Art und Weise der Konstruktion der Seeschlacht im Kontext des Medienereignisses Lepanto, des Mythos Lepanto in der Literatur oder auch der Seeschlacht als Gegenstand von Kunstproduktion bereits untersucht. Manche Arbeiten werden zwar später zitiert, aber teils an überraschenden Stellen. Es fehlt zudem eine Darstellung und Begründung von Untersuchungsraum - um England, Äthiopien, Russland, Japan oder die Philippinen, wie auf dem Einband zu lesen, geht es nur am Rand - und Zeitraum, der die ereignisnahen 1570er-Jahre umfasst. Auch der Aufbau der Arbeit wird nicht erläutert. Das aber wäre wichtig gewesen, denn er leuchtet nicht unmittelbar ein, zumal manche Kapiteltitel mehr versprechen, als der Inhalt hält (II.1, II.3.vi).

Die Darstellung gliedert sich in sieben Hauptkapitel (II.1-7). Das erste thematisiert die von der Forschung teils schon intensiv analysierte zeitnahe Festkultur des Sieges von Lepanto in einer Vielzahl von europäischen Herrschaftsgebieten nacheinander, beginnend mit Venedig, das auch im zweiten Hauptkapitel der Studie im Zentrum steht. Die Festivitäten in Europa und Übersee mit ihrer Vielzahl an Festelementen und Festmedien, ihrem performativen Charakter und ihrem ungemein reichen symbolischen Vokabular, deren systematischer Vergleich in transkultureller Perspektive für eine Dissertation auch schon ein anspruchsvoller Gegenstand gewesen wäre, werden als realhistorische Ereignisse aus den Quellen rekonstruiert, obwohl diese konsequenterweise ebenfalls als Konstruktionen verstanden werden müssten. Denn nicht nur das militärische, sondern auch das Festereignis Lepanto wurde konstruiert, und zwar teils in denselben Quellen. Die These, Lepanto sei kein "europäisches Ereignis" gewesen, setzt voraus, dass ein europaweit homogenes Deutungsmuster der Schlacht in der Festkultur nachweisbar sein müsste. Aber warum sollte dies so sein? Natürlich wurden derartige Ereignisse auf lokaler/regionaler Ebene für die Artikulation spezifischer politischer und religiöser Interessen ausgeschlachtet. Deutlich werden die Verflechtungen der Festkultur mit ihrem oft überregionalen Rezeptionshorizont, der durch die Festakteure auch intendiert war.

Die folgenden vier Hauptkapitel fokussieren mit Venedig, Spanien, dem Heiligen Römischen Reich und dem Osmanischen Reich spezifische Rezeptionsregionen, wobei die ersten beiden Hauptmächte der Heiligen Liga waren und beim nicht direkt beteiligten Reich der Schwerpunkt der Darstellung auf ausgewählten Städten im Süden liegt, dem lutherischen Nürnberg, dem bikonfessionellen Augsburg (beide Zentren der Printmedienproduktion) und den reformierten Städten Zürich und Genf, die nur noch formal zum Reich gehörten. In den ersten beiden Kapiteln erweist sich die Darstellungsperspektive als stark religiös/konfessionell geprägt, denn es werden spezifische religiöse Gruppen mit ihren ereigniskonstruierenden Praktiken untersucht. Im danach knapp behandelten Osmanischen Reich werden zunächst der Liga zugehörige Akteure und ihre Deutungen vorgestellt, dann auf der Basis der Forschung auch osmanische Sichtweisen auf das Ereignis, etwa in Chroniken. Hier wird die Vielfalt der zeitgenössisch virulenten Lepanto-Ereignisse besonders deutlich, auch wenn sich dem Leser nicht ganz erschließt, warum das Kapitel mit "kein Verlierer" (301) überschrieben ist, denn die Niederlage wurde auf osmanischer Seite hofintern durchaus eingeräumt. Im vierten Kapitel herrscht dagegen eine regionale Differenzierung zwischen dem spanischen Mutterland und spanischen Übersee-, punktuell auch Missionsgebieten vor, wie die Analyse eines japanischen Wandschirms zeigt. Diese vier Kapitel offerieren eine Fülle spannender Einzelbefunde und erhellender Interpretationen, gerade auch was bislang nicht im Blickpunkt stehende soziale Gruppen wie Juden und Muslime in Europa und die transkulturellen Bezüge einzelner analysierter Objekte (II.5.ivf.) angeht. Sie seien deshalb ausdrücklich zur Lektüre empfohlen. Die beiden letzten Hauptkapitel (II.6-7) wären in der zweiten Studie besser aufgehoben gewesen, zumal die Seeschlacht von Lepanto als Nachricht auch dort thematisiert wird.

In der Einleitung der zweiten Studie werden erneut ausführlich der Topos der "Türkenfurcht" und der Ansatz einer histoire de l'événement als Geschichte der Ereignisproduktion diskutiert. Überraschend knapp geht der Autor hingegen auf die hier eigentlich zentralen Sachverhalte Materialität und Medialität ein. Die gerade in jüngster Zeit stark ausformulierten Ansätze zur Erforschung materieller Kulturen werden nur angerissen, auch wenn der Bezug zur Forschung mit Blick auf die materielle Kultur der Seeschlacht von Lepanto immerhin stärker präsent ist. Auch in diesem Fall muss der Leser selbst Untersuchungsraum und -zeitraum definieren und die Logik des Aufbaues ergründen, was hier jedoch insgesamt besser gelingt.

Die zweite Studie gliedert sich in fünf Kapitel, welche zeitgenössische und nachweltliche Konstruktionen des Ereignisses auf der Basis bestimmter Quellengattungen bzw. Aufführungsformen, die sich oft stark aufeinander beziehen, beschreiben. Das erste widmet sich den Textkulturen des Ereignisses, konkret dem Thema der Seeschlacht als Gegenstand von Nachrichten, die in unterschiedlichsten Medienformen und -formationen und teils über geheime Wege inner- und außereuropäisch transferiert und schon auf dieser Ebene mit Bedeutungen angereichert wurden. Kapitel zwei beschäftigt sich mit den im Kontext der Schlacht produzierten Artefakten in ihrer Instrumentalisierung als Ereigniszeugen, wie am Beispiel von im Kampf eingesetzten Fahnen gezeigt wird. Mit Blick auf ein Reliquienkreuz einer spanischen Bruderschaft werden die sich verändernden Gebrauchskontexte samt den auf diese Weise jeweils entworfenen Deutungsmustern bis ins 20. Jahrhundert verfolgt. Gerade Bruderschaften fungierten als wichtige Produzenten bzw. Auftraggeber von Artefakten, welche die mit dem Sieg verbundenen heilsgeschichtlichen Deutungsmuster im kulturellen Gedächtnis bestimmter sozialer Gruppen präsent halten sollten, um deren Identifikation mit dem einzig wahren Glauben zu stärken. Das dritte Kapitel demonstriert, wie muslimische Gefangene, christliche Sklaven, Konvertiten und Galeerensträflinge im Anschluss an die Schlacht verkauft, präsentiert, verschenkt oder kostümiert wurden, wodurch die Betroffenen bis zu einem gewissen Grad verdinglicht wurden. Das ist sicher der am wenigsten relevante Kontext einer (De-)Kommodifizierung von 'Dingen' im Kontext der Seeschlacht, dass diese Begriffe hier so prominent auftauchen, überrascht. Dennoch bietet dieses Kapitel in dieser Zusammenschau einen genuin neuen Blick auf Materialität und Medialität der Seeschlacht.

Im Grunde lässt sich alles, was bis hierhin untersucht worden ist, als Formen und Praktiken einer europäischen Aneignung des Ereignisses Lepanto beschreiben, um die es im vierten Kapitel mit Blick auf ausgewählte Phänomene explizit geht. Im Unterschied zur ersten Studie wird die hier erneut verhandelte Festkultur von Lepanto nun mit Blick auf ihren in zeitgenössischen Festbeschreibungen konstruierten Charakter betrachtet. Als Reflex auf aktuelle Ansätze einer Sound History geht der Autor zudem auf das hinter anderen Formen der Herstellung von Präsenz aufgrund seines ephemeren Charakters zurückstehende Klangereignis Lepanto ein, vom gesprochenen Wort über die Glocke bis hin zu Gesang und Musik. Die beiden übrigen Teilkapitel behandeln in der Forschung teils schon vielfach thematisierte Gemälde, Fresken und Medaillen und damit Medien bzw. Artefakte der Erinnerungskultur. Das fünfte und letzte Kapitel zu Imaginationen der Seeschlacht im Rahmen von Totenmessen, Leichenpredigten, Gratulationen und Wunderdiskursen kreist um die Verherrlichung des Sieges im Zuge einer kultisch überhöhten Verehrung von (realiter nicht immer sonderlich heldenhaften) Helden. Herausgearbeitet werden vor allem die Interdependenzen zwischen Gruppenkonstituierung und Ereignisproduktion, wobei bestimmte soziale Gruppen spezifische, auf Präsenz und Reaktivierung der Seeschlacht zielende Praktiken und Deutungsmuster teilten und sich genau dadurch von anderen abgrenzten.

Die zentrale Leistung beider Studien besteht weniger im Nachweis, dass das Ereignis durch Zeitgenossen und Nachwelt medial ausgehandelt und erst darüber in seiner spezifischen Ereignishaftigkeit konstruiert worden ist, das war auch zuvor schon bekannt. Zudem wäre die Seeschlacht auch dann als historisches Ereignis begriffen worden, wenn sie im Anschluss deutlich weniger medialisiert und semantisiert worden wäre. Genauso wenig stellte in bestimmten Regionen Europas die "Türkenfurcht" ein bloßes Ergebnis historischer Einbildungskraft dar, teils handelte es sich sogar um eine bewusst angewendete militärische Strategie. Der große Ertrag beider Studien besteht vielmehr in der zuvor in dieser Breite und Dichte noch nie geleisteten Zusammenschau von regional-lokalen, religiös-konfessionellen und schichtspezifischen Praktiken der Auseinandersetzung mit Lepanto meist innerhalb Europas, teils aber auch darüber hinaus und hier in transkultureller wie globalgeschichtlicher Perspektive. Dabei arbeitet Stefan Hanß sehr detailliert und dicht an den Quellen den genuinen Zusammenhang zwischen historischen Macht- und Diskurskonstellationen heraus. Er zeigt, wie und warum manche Stimmen im Prozess der Bedeutungsaushandlung Dominanz erlangten, andere hingegen kaum wahrnehmbar blieben oder überhaupt zum Schweigen gebracht wurden.

Zu würdigen ist eine heroische Forschungsleistung, die nach eigener Angabe Forschungen in über 170 Archiven, Bibliotheken und Museen umfasst und auch in sprachlicher Hinsicht eine Herausforderung darstellt, der sich nur eine sehr begrenzte Zahl von Historikern und Historikerinnen überhaupt stellen können. Das ist ausdrücklich anzuerkennen. Das hier gewählte Verfahren der Darstellung von Forschungsergebnissen kann jedoch nicht zur Nachahmung empfohlen werden. Das Ereignis Lepanto lebt - auch aus aktuell ausgesprochen unerfreulichen Gründen - Historiker sollten es deshalb nicht zu Tode schreiben. Bei schon stark gekürzten 1.700 Seiten bleibt als Fazit: Was für ein wunderbares Buch hätte hier geschrieben werden können, wenn die drei Bände in klarer Systematik zu einer Studie zusammengefasst, Redundanzen entfernt und erhellende, hier aber nicht nötige Einzelbefunde an anderer Stelle publiziert worden wären, wie der Autor es ja auch bereits mehrfach getan hat. Im Zeitalter postmoderner Publikationsfluten scheint es umso mehr geboten, auf die Rezipierbarkeit von Forschungsergebnissen zu achten und von allumfassenden Deutungsansätzen abzusehen. Dezentrierte Geschichte schreibt sich am besten dezentriert.