You are here: Home / Reviews / Journals / sehepunkte / 19 (2019) / 12 / Kumpel, Kohle und Krawall
Social Media Buttons fb twitter twitter twitter
  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Farrenkopf, Michael
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Dansk
      Author (Monograph)
      • Hordt, Arne
      Title
      Kumpel, Kohle und Krawall
      Subtitle
      Miners' Strike und Rheinhausen als Aufruhr in der Montanregion
      Year of publication
      2018
      Place of publication
      Göttingen
      Publisher
      Vandenhoeck & Ruprecht
      Series
      Nach dem Boom
      Number of pages
      309
      ISBN
      978-3-525-37066-7
      Subject classification
      Social and Cultural History, History of technology, Economic History
      Time classification
      20th century → 1980 - 1989
      Regional classification
      Europe → Western Europe → Germany, Europe → Western Europe → Great Britain
      Subject headings
      Deutschland
      Großbritannien
      Bergbau
      Strukturwandel
      Geschichte 1984-1985
      Hüttenwerk Rheinhausen
      Betriebsstilllegung
      Arbeitskampf
      Geschichte 1987-1988
      Ruhrgebiet
      Steinkohlenbergwerk
      Geschichte 1960-1990
      England
      Montanindustrie
      Streik
      Geschichte 1984-1988
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2019/12/32113.html
      recensio.net-ID
      9d9c2cbc3a06496ca0a5d24b1c5f53c6
      DOI
      10.15463/rec.1719322909
  • Citation rules

  • Terms of licence

    • This article may be downloaded and/or used within the private copying exemption. Any further use without permission of the rights owner shall be subject to legal licences (§§ 44a-63a UrhG / German Copyright Act).

Arne Hordt: Kumpel, Kohle und Krawall. Miners' Strike und Rheinhausen als Aufruhr in der Montanregion (reviewed by Michael Farrenkopf)

sehepunkte 19 (2019), Nr. 12

Arne Hordt: Kumpel, Kohle und Krawall

Die publizistische Auseinandersetzung mit der Geschichte des europäischen Steinkohlenbergbaus hat nicht zuletzt in Deutschland in jüngster Zeit nochmals eine gewisse Blüte erlebt. [ 1 ] In der Bundesrepublik hat das auch mit der auf gesetzlicher Grundlage Ende 2018 endgültig vollzogenen Einstellung der heimischen Steinkohlenförderung zu tun. Während in Großbritannien mit der Schließung der Kellingley Colliery in Yorkshire bereits am 18. Dezember 2015 die letzten 450 Beschäftigten des untertägigen Steinkohlenbergbaus ihren Arbeitsplatz verloren, wurde am 21. Dezember 2018 auf dem Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop im Ruhrgebiet symbolisch die letzte Schicht in Deutschland verfahren.

Das Finale des britischen Steinkohlenbergbaus war nicht einmal in der Region Nordostengland, die "seit dem 18. Jahrhundert in ganz Großbritannien symbolisch für den Abbau von Steinkohle" (33) steht, ein größeres Ereignis in der regionalen Erinnerungskultur. In Bottrop hingegen war mit Jean-Claude Juncker sogar der Präsident der Europäischen Kommission anwesend. Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, begleitet von einer Schar internationaler Medienvertreter, nahm zudem persönlich ein letztes Stück deutscher Kohle in Empfang. Bereits das gesamte Jahr 2018 war zuvor unter dem Motto "Glückauf Zukunft!" mit zahlreichen Veranstaltungen zur Geschichte des Steinkohlenbergbaus angefüllt gewesen, darunter auch eine großangelegte Ausstellung auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein, die sich aus europäischer Perspektive dem "Zeitalter der Kohle" gewidmet hatte. [ 2 ]

Es zählt zu den Verdiensten der Studie von Arne Hordt, die signifikanten Unterschiede im Umgang mit dem Ende des Steinkohlenbergbaus als einem zentralen "Aspekt des sozialen, kulturellen und politischen Wandels am Ende des Industriezeitalters" (10) im Vergleich der beiden "Montanregionen North East und Ruhrgebiet" (39) besser verstehen zu können. Denn die Konstruktion einer regionalen Identität hängt eng mit Diskursen über regionalen Strukturwandel und nationalgesellschaftliche Werte zusammen, "die von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis in die 2000er Jahre andauerten". (39) Der britische Miners' Strike 1984/85 und die Proteste der Stahlarbeiter gegen die von Krupp 1987 geplante vollständige Schließung des Stahlwerks in Duisburg-Rheinhausen waren dabei "symbolische Konflikte von außerordentlicher Reichweite" (9). Hordt analysiert diese vor dem Hintergrund des für die politische Auseinandersetzung relevanten, stark historisch begründeten Zustands beider Montanregionen seit den 1970er Jahren. Dabei bedient er sich als zentralem Deutungsmuster der von Reinhart Koselleck geprägten Formel der "vergangene[n] Zukunft", also der Verkörperung und dem ständigen Diskurs über Zukunftsvisionen, die sich überlebt hatten.

Die Publikation stellt die erweiterte Fassung der Dissertation des Autors dar, die im Sonderforschungsbereich "Bedrohte Ordnungen" der Universität Tübingen entstanden ist. Von zentraler Bedeutung für das geltende Forschungsdesign und Methodenspektrum ist der Begriff "Aufruhr" (27). So sieht Hordt beide im Mittelpunkt stehenden Proteste als Fundamentalkonflikte. Rückgebunden an die Konfliktsoziologie stehen Fundamentalkonflikte am Ende eines idealtypischen Kontinuums von Interessen- und Anerkennungskonflikten und sind begleitet vom Übergang von einer passiven zu einer aktiven öffentlichen Beteiligung. Hordt kombiniert dies überzeugend mit einer zeitlichen "Verlaufsdimension" (28), wobei sowohl der Miners' Strike 1984/85 als auch die Proteste in Rheinhausen deshalb als Fundamentalkonflikte interpretiert werden, weil beide zumindest zeitweise einen Bruch mit den bestehenden sozialräumlichen Ordnungen bewirkten und vor allem grundsätzliche Bedrohungen auslösten.

Hordt gliedert den Hauptteil seiner Studie in vier Kapitel, wobei das erste dem Koselleck'schen Theorem der vergangenen Zukunft gewidmet ist, während sich das folgende unter dem Titel "Arbeit und Mitbestimmung" (91-133) den für beide Montanregionen typischen Formen der industriellen Beziehungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmen zuwendet. Wenngleich die zeitgenössisch handelnden Konfliktparteien dies bisweilen bewusst zu instrumentalisierten versuchten, verdeutlicht der Autor sehr nachvollziehbar, dass es sich weder "beim Miners' Strike noch bei den Rheinhauser Protesten [...] um Klassenkämpfe zwischen Arbeit und Kapital" (132) handelte, obgleich beide Ereignisse von den gewerkschaftlichen Akteuren so dargestellt wurden. Selbst als sich die Konfliktpartner im Sinne der etablierten Routinen der industriellen Beziehungen nicht mehr als gleichberechtigt anerkannten, blieben doch alle Akteure stets den Praktiken der sozialräumlichen Ordnung Montanregion - mithin dem Vertrauen auf den staatlich gesteuerten Strukturwandel in den Revieren - verpflichtet.

Insofern fokussieren die anschließenden Kapitel "Protest, Macht und Gewalt" (134-216) und "Gerechtigkeit und Bewusstsein" (217-265) die impliziten Vorstellungen der Akteure über Arbeit und soziale Interaktion. Für den Verlauf und die Zuspitzung der jeweiligen Konflikte war demnach die Abkehr von etablierten Handlungsroutinen entscheidend, politisch-ideologische Gegensätze spielten dagegen eine untergeordnete Rolle. Der Aufruhr in beiden Fällen äußerte sich immer dann als "eruptiver, gewaltsamer Protest" (211), wenn die soziale Ordnung durch den modernisierenden Strukturwandel als bedroht erschien. Entscheidende Bedeutung - und das ist eines der wesentlichen Ergebnisse der Studie - kam also dem Strukturwandel als regionaler Deutungs- und Konfliktregelungsmaxime zu, die Eskalation der Konflikte resultierte mithin aus der vermeintlichen Abkehr von einer unterstellten Planbarkeit des Sozialen als zentraler Vorstellung von Modernisierung.

So ähnlich damit die montanregionalen Ordnungsbedingungen für den Anlass und den Verlauf beider Fundamentalkonflikte - die "Framedimension" (28) - auch waren, so unterschiedlich gestalteten sich die Konsequenzen: Der Miners' Strike ließ die schon in seinem Verlauf mit ganz anderen sozialen Härten konfrontierten Streikenden nicht nur in einem Bewusstsein sozialer Deklassierung und Hoffnungslosigkeit zurück, er führte auch zur Auflösung der bis dahin bestehenden Ordnungsmuster der industriellen Beziehungen. Die Proteste in Rheinhausen destabilisierten das Ordnungsgefüge weit weniger, weil nicht nur andere Formen der Deeskalation gefunden wurden, sondern vor allem eine gleichsam harmonische Einbettung in die fortbestehende, mehrheitlich akzeptierte und positiv konnotierte Strukturwandellogik des Ruhrgebiets erfolgte. Anders als in Großbritannien wurde durch den Fall Rheinhausen - das veranschaulicht die Studie eindrücklich - die politische Kultur des Strukturwandels im Ruhrgebiet nicht nur gefestigt und gestärkt, sondern als Narrativ in die bis Ende 2018 ungebrochene Meistererzählung von regionaler Solidarität und Anpassungswillen in schwierigen Zeiten erfolgreich eingewoben.


Anmerkungen :

[ 1 ] Siehe beispielweise Franz-Josef Brüggemeier: Grubengold. Das Zeitalter der Kohle von 1750 bis heute, München 2018; Lars Bluma / Michael Farrenkopf / Stefan Przigoda: Geschichte des Bergbaus, Berlin 2018.

[ 2 ] Franz-Josef Brüggemeier / Michael Farrenkopf / Heinrich Theodor Grütter (Hgg.): Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte. Katalogbuch zur Ausstellung des Ruhr Museums und des Deutschen Bergbau-Museums auf der Kokerei Zollverein, 27. April bis 11. November 2018, Essen 2018.