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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Pietsch, Andreas
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch, Latin
      Author (Monograph)
      • La Peyrère, Isaac
      Title
      Praeadamitae – Systema theologicum (1655)
      Year of publication
      2019
      Place of publication
      Stuttgart / Bad Cannstadt
      Publisher
      Frommann-Holzboog
      Series
      Freidenker der europäischen Aufklärung. Abteilung 1: Texte
      Series (vol.)
      3
      Number of pages
      2 Teilbde., LXXXVIII, 1096
      ISBN
      978-3-7728-1613-0
      Subject classification
      History of religion
      Time classification
      Modern age until 1900 → 17th century
      Regional classification
      Europe → Western Europe → France
      Subject headings
      Präadamit
      Systematische Theologie
      Geschichte 1655
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2019/12/33129.html
      Publication date
      Jan 10, 2020 12:17 PM
      recensio.net-ID
      b1753f0adab84951a1468e6a1e75364c
      DOI
      10.15463/rec.1719322954
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Isaac La Peyrère: Praeadamitae – Systema theologicum (1655) (reviewed by Andreas Pietsch)

sehepunkte 19 (2019), Nr. 12

Isaac La Peyrère: Praeadamitae - Systema theologicum (1655)

Der biblische Adam sei gar nicht der Urvater der gesamten Menschheit und das Alte Testament biete grundsätzlich kaum mehr als die Geschichte der Juden - diese These löste unter den Gelehrten des 17. Jahrhunderts einen wahren Sturm der Entrüstung aus. Die Historisierung der Bibel und die Aufwertung der Berichte anderer Völker und Kulturen sichern ihrem Autor Isaac La Peyrère, einem hugenottischen Adligen und theologischen Autodidakten, einen Platz im Panoptikum der "Freidenker der europäischen Aufklärung".

Nach jahrelanger handschriftlicher Zirkulation erschien La Peyrères Präadamitenthese 1655 zweifach, als knappe Praeadamitae und ausführlicher vorgetragen als Systema theologicum . Neben fünf verschiedenen Drucken beider Texte sind auch Übersetzungen sowohl ins Englische als auch ins Niederländische bekannt. Der Erfolg der Publikation zeigt sich weiterhin daran, dass das Werk - meist zusammengebunden mit einer der vielen Antworten seiner Gegner - bis weit ins 18. Jahrhundert in kaum einer Gelehrtenbibliothek fehlen durfte. Zu neuer Relevanz verhalfen ihm später die zweifelhaften Anleihen einiger Rassentheoretiker des 19. Jahrhunderts, die in den Präadamiten eine vermeintliche Blaupause für ihre antisemitischen Attacken sahen.

Angesichts dieser bemerkenswerten Wirkungsgeschichte ist es überaus begrüßenswert, dass endlich eine lateinisch-deutsche Werkausgabe von La Peyrères Hauptschrift vorliegt, die zur Auseinandersetzung sowohl mit dem Werk als auch mit der facettenreichen Forschungsliteratur einlädt. Während bislang nur eine lateinisch-italienische Übersetzung der kurzen Praeadamitae vorlag [ 1 ], haben die Herausgeber Jaumann und Sdzuj entschieden, auch das gelehrtere Systema theologicum zu bieten. Gerahmt wird die Edition des Doppelwerks durch eine instruktive Einleitung (I-LXXXVIII) und einen seitenstarken Anhang mit weiteren Quellen (825-1037).

Insbesondere durch die Aufnahme diverser zugehöriger Texte im Anhang lädt Jaumann dazu ein, vier in der Forschung bereits etablierte Fragerichtungen zu verfolgen, zu denen bei weitem noch nicht alles gesagt zu sein scheint.

Erstens wird die auch aktuell wieder diskutierte Frage nach Vorläufern aufgeworfen, die schon La Peyrère selbst angestoßen hatte. Während der Vorwurf, es werde Adam als Urvater in Frage gestellt, durchaus eine lange, von der mittelalterlichen Häresiologie ausgehende Tradition aufweist, lassen sich nur in wenigen Fällen konkrete Anhaltspunkte dafür finden, was sich hinter solchen Thesen konkret verbarg. Umso interessanter ist der im Anhang gebotene Fall des Jacobus Palaeologus, der bereits im 16. Jahrhundert eine Theorie der präadamitischen Menschheit formulierte.

Zweitens thematisiert die Edition La Peyrères Biografie, die einige Rätsel aufgibt. Über den Autor ist letztlich wenig bekannt. Was wir wissen, ist so sehr von dem Skandal um seine Präadamiten und der daraus folgenden Konversion zum Katholizismus eingefärbt, dass wir die Figur La Peyrère nur durch eine doppelte Brechung wahrnehmen können - einerseits die Häretisierung durch die zahlreichen Gegner, andererseits die nicht minder erfolgreiche Selbststilisierung des Autors La Peyrère. Einzige Konstante in diesem unsteten Leben, das ihn von Spanien bis Skandinavien und von London bis nach Rom führte, ist das Haus Condé, für das er einige diplomatische Missionen übernahm und das ihn durch alle Wirren hinweg bis an sein Lebensende unterstützte. La Peyrère ist somit nicht nur inhaltlich, sondern auch sozialgeschichtlich ein Paradefall eines frühneuzeitlichen Gelehrten, der ohne seine vielfache Verstrickung in Patronagenetzwerke gar nicht zu verstehen ist.

Die Einleitung des Herausgebers folgt in biografischen Fragen weitgehend den Impulsen der älteren französischen Forschung und profiliert La Peyrère in Anlehnung an Oddos daher als einen Rechtsgelehrten. [ 2 ] Dazu werden interessante Hinweise im Text ausgewiesen, etwa die auffällige Verwendung der fictio juris in La Peyrères Bibelauslegung (165). Weniger deutlich herausgearbeitet wird die hugenottische Prägung des Autors - dabei hätte man hier vielleicht sogar stärkere Traditionslinien ausmachen können, schließlich war auch Johannes Calvin von seiner Ausbildung her in erster Linie Jurist und veröffentlichte Hugo Grotius zeitgleich zu La Peyrère seinen wirkmächtigen Bibelkommentar.

Drittens bietet Jaumann viele Beispiele für die Reaktionen auf die Präadamitenthese, deren Publikation eine wahre Flut an polemischen Antworten aus allen konfessionellen Lagern auslöste und in der zeitgenössischen Briefliteratur intensiv diskutiert wurde. Viertens werden publikationshistorische Dokumente zur Buchzensur in den Niederlanden und England geboten, während die römische Zensurgeschichte ausgespart wird.

Eine Vorlage für weitere Forschungen bilden schließlich die beiden Schriften selbst. Jaumann arbeitet in der insgesamt eher sparsamen Kommentierung vor allem die in der Einleitung diskutierten Schwerpunkte am Text heraus. Das erlaubt eine intensive Lektüre zu diesen Aspekten, doch bleiben andere Fragen weiterhin offen.

So bleiben vor allem historische und theologische Bezüge ungeklärt. Es ist grundsätzlich sehr verdienstvoll, dass Sdzuj und Jaumann in ihrer Übersetzung die vielen biblischen Zitate und Anspielungen verifiziert haben. Irritierend ist jedoch der Bezug auf die bekanntlich 1979 abgeschlossene "Nova Vulgata, die La Peyrère offenbar nicht benutzt" (613). Fraglich bleibt zudem, ob er überhaupt die Vulgata zugrundelegte. Allein die divergierende Psalmzählung zwischen La Peyrère und der vor allem von Katholiken benutzten Vulgata hätte hier stutzig machen müssen. Wie Jaumann selbst zeigt, schob La Peyrère 1657 in seinem Konversionsbericht an Papst Alexander VII. Chigi die Schuld an seinen häretischen Verirrungen geschickt auf seine hugenottischen Wurzeln und nannte als Inspirationsquellen Calvin und Beza (LII). Wie Jaumann zu Recht nachweisen kann, spielt La Peyrère zudem in den Praeadamitae wörtlich auf Bezas Bibelausgabe an (33).

Angesichts der konfessionell ambigen Wahrnehmung des Autors La Peyrère, die nicht nur die Zeitgenossen, sondern auch die jüngste Forschungsliteratur beschäftigt, stellt die Frage nach seinem Bibelgebrauch keine theologische Petitesse dar. Vielmehr verrät sie viel über die Selbstverortung des Autors La Peyrère und erst recht für die Frage nach seinem anvisierten Publikum. Hier ließen sich Querbezüge zu anderen Befunden der Herausgeber herstellen, etwa zu Jaumanns aufschlussreicher Bemerkung, dass in der englischen Übersetzung aus dem Folgejahr 1656 durchaus Veränderungen wahrzunehmen sind. So wird dort der von La Peyrère hervorgehobene Einfluss von Claude Saumaise, der 1656 im England Cromwells stark mit seiner Parteinahme für den hingerichteten König Charles I. assoziiert worden sein dürfte, heruntergespielt (513).

Dieser Tendenz entsprechend vermisst man an einigen Stellen solide theologische Einordnungen. So ist etwa vieles in La Peyrères Argumentation wahrlich unkonventionell, die für die Herausgeber irritierende Vorstellung, dass der Gottessohn Christus auch schon vor Adam existierte (315), allerdings sicher nicht.

Dennoch darf die Edition als Meilenstein gelten, die eine verstärkte Auseinandersetzung mit der faszinierenden Figur La Peyrère auch hierzulande beflügeln wird. Gerade der reichhaltige Anhang dürfte weiteren Forschungen zudem die Möglichkeit bieten, die Fragen der Rezeption und großenteils nachträglichen Konstruktion der skandalösen Biografie La Peyrères als solche zu verfolgen. Es ist umso bedauerlicher, dass die Sprachgrenze gleichzeitig auch wiederum Schranken auferlegen wird und Jaumanns und Sdzujs Leistung auf internationaler Ebene kaum die Beachtung finden wird, die sie verdient.


Anmerkungen :

[ 1 ] Guiseppe Lucchesini / Pina Totaro (Hgg.): Isaac La Peyrère. I preadamiti. Praedamitae (1655), Macerata 2004.

[ 2 ] Jean-Paul Oddos: Recherches sur la vie et d'oeuvre d'Isaac de Lapeyrère (1596?-1676). Thèse de 3ème cycle Grenoble 1971-74, die glücklicherweise 2012 verlegt wurde. Vgl. dazu die Rezension von Herbert Jaumann, URL: http://www.sehepunkte.de/2014/11/25689.html .