You are here: Home / Reviews / Journals / sehepunkte / 20 (2020) / 01 / Baubezogene Kunst – DDR
Social Media Buttons fb twitter twitter twitter
  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Kirsch, Antje
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch
      Author (Monograph)
      • Maleschka, Martin
      Title
      Baubezogene Kunst – DDR
      Subtitle
      Kunst im öffentlichen Raum 1950 bis 1990
      Year of publication
      2019
      Place of publication
      Berlin
      Publisher
      DOM Publishers
      Number of pages
      504
      ISBN
      978-3-86922-581-4
      Subject classification
      Social and Cultural History
      Time classification
      20th century → 1950 - 1959, 20th century → 1960 - 1969, 20th century → 1970 - 1979, 20th century → 1980 - 1989
      Regional classification
      Europe → Western Europe → Germany
      Subject headings
      Deutschland <DDR>
      Kunst am Bau
      Geschichte 1950-1990
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2020/01/33310.html
      recensio.net-ID
      1ba63f375e8a4df98f6a920c66cb6c99
      DOI
      10.15463/rec.1453109526
  • Citation rules

  • Terms of licence

    • This article may be downloaded and/or used within the private copying exemption. Any further use without permission of the rights owner shall be subject to legal licences (§§ 44a-63a UrhG / German Copyright Act).

Martin Maleschka: Baubezogene Kunst – DDR. Kunst im öffentlichen Raum 1950 bis 1990 (reviewed by Antje Kirsch)

sehepunkte 20 (2020), Nr. 1

Martin Maleschka: Baubezogene Kunst - DDR

Die baubezogene Kunst der DDR ist ein Forschungsdesiderat, das mittlerweile zu Inventarisierungslücken in der Denkmalpflege führt. [ 1 ] Das gewachsene Bedürfnis nach Erhaltung verdanken die Kunstwerke vielfach einer 'der institutionellen Denkmalpflege zuarbeitende[n] kollektive[n] Intelligenz' [ 2 ] regionaler Initiativen, Vereine oder Akteure wie Martin Maleschka, der sich der fotografischen Erfassung baubezogener Kunst der DDR verschrieben hat.

Seit ungefähr fünfzehn Jahren trägt Maleschka das Material zusammen. Inzwischen ist ein Fotoarchiv von mehreren Tausend Bildern entstanden. Der Zugriff ist höchst persönlich und biografisch verankert: Maleschka ist 1982 in Eisenhüttenstadt geboren. Die Stadt hat nach der Wiederherstellung der deutschen Einheit nicht nur einen Großteil ihrer Bewohner verloren, sondern auch an Bausubstanz. Der Abriss der Wohnblöcke, in denen der Autor, der an der TU Cottbus Architektur studiert hat, aufwuchs, das Verschwinden der Landschaft seiner Kindheit und der Kunst, die ihm allgegenwärtig an den Wänden der Bauten, in den städtischen Parkanlagen oder als Bestandteil gestalteter Grünanlagen baulicher Ensembles begegnete, löste den starken Impuls zu dieser Sisyphusarbeit aus.

In der Einführung (9) beschreibt der Autor die Geschichte seiner Familie. Diese ist eng mit der historischen Entwicklung von Eisenhüttenstadt als Industriestandort der Nachkriegszeit verbunden. In der 'schrumpfenden Stadt' brechen familiäre Traditionen nach zwei oder drei Generationen wieder ab. Maleschka ist mit verschiedenen Blogs inzwischen zu einem der wichtigsten Influencer für die baubezogene Kunst der DDR in den sozialen Medien geworden.

Der Architekturführer (49ff.) zeigt 120 Standorte von Kunstwerken auf dem ehemaligen Staatsgebiet der DDR, die Maleschka in den letzten 15 Jahren aufgesucht und fotografiert hat. Eine Fülle von künstlerischen Interpretationen der in den Werkverträgen der Künstler formulierten Themen werden sichtbar. Kunsthandwerkliche Arbeiten, die in verblüffender kunsttechnologischer Bandbreite ausgeführt wurden, stellen einen Bezug zu regional vorhandenen Rohstoffen her. Sie verweisen wiederum vielfach auf die Professionalisierung der regional ansässigen Künstler und Künstlerinnen und Werkstätten. Diese wiederum erschließen sich ergänzend aus den im Anhang befindlichen Kurzbiografien, die u.a. Ausbildungswege und berufliche Werdegänge beinhalten.

Format und Umfang des Buches sind darauf ausgerichtet, tatsächlich mit dem Buch zu reisen. Die jedem Werk zugeordneten QR-Codes dienen dazu, die Objekte auch zuverlässig aufzufinden. Mit 504 Seiten ist es allerdings auch kein leichtes 'Gepäck'. Jedes Werk wird auf mindestens einer Doppelseite präsentiert. Bei den Fotos weicht Maleschka in vielen Fällen von der Darstellung der Frontalperspektive ab und wartet mit zahlreichen und überraschenden Detailansichten auf, die eigene ästhetische Reize entfalten. Formen, Farben und Strukturen werden mikroskopartig untersucht. Materialsichtigkeit entsteht und damit fällt auch der Blick auf Folgen von Umwelteinflüssen, denen die meisten Kunstwerke ausgesetzt sind. Substanzverluste bilden Alterungsprozesse ab, aber auch Vernachlässigung in der Erhaltung. Allerdings verführt die Methode der Detaildarstellung auch zu zahlreichen bildlichen Redundanzen.

Die Basisinformationen zu den Kunstwerken sind nach einem einheitlichen Raster erfasst: Standort, Gebäude und die technischen Angaben zum künstlerischen Werk fokussieren klar auf das einzelne Kunstwerk. Konsequenterweise wäre hier die Angabe des/der Architekten wichtig gewesen, da der Bezug zum Bau als konstituierende Bedingung auch Anspruch des Buches ist. Der Verweis auf die (kunst)-handwerkliche Umsetzung, oft durch historisch bedeutende Werkstätten wie die Mosaikwerkstatt von Heinrich Jungebloedt und Elisabeth Jeske, die Keramik-Werkstatt von Hedwig Bollhagen, die Meißner Porzellanmanufaktur oder die keramischen Werkstätten in Boitzenburg, macht die Publikation auch für die Forschung interessant.

Die erläuternden Texte sind häufig aus Begegnungen des Autors mit den ausführenden Künstlern oder Handwerkern entstanden, mit einigen Anekdoten aus der komplexen und teilweise langwierigen Entstehung und persönlichen Statements angereichert. Einige Standards in der Beschreibung der unterschiedlichen Genres der Kunstobjekte und des Schaffensprozesses der Künstler hätten eine hier und da fehlenden Präzision vermieden. Gerade baubezogene Kunstobjekte verfügen über eine Vielzahl von Informationen, die nur durch langwierige Recherchen verfügbar sind. Auch hier macht sich wieder die fehlende Forschung bemerkbar, die dem Buch aber nicht vorgeworfen werden soll.

Dem Katalog voran gestellt ist der Text des Leipziger Kunsthistorikers Thomas Topfstedt (22ff.), dem langjährigen Streiter für die Erhaltung der baubezogenen Kunst der DDR. Er fordert seit mehr als zwanzig Jahren ihre flächendeckende Erfassung. [ 3 ] Unermüdlich wiederholt er die Vorteile einer datenbankgestützten Dokumentation in jedem seiner Aufsätze zum Thema. Auch er sieht Potential in der Arbeit von regional agierenden Bürgerinitiativen und Vereinen. Topfstedts Forschungen zum Thema, seine Erkenntnisse zu den verschiedenen historischen Phasen der Kunstentwicklung und regionaler Ausprägungen sollten aber darauf verweisen, dass eine weitere 'Delegierung' der Inventarisation an regionale, bürgerschaftliche Akteure auch Gefahren birgt. Sie sind von 'Zufall, individuellen Stimmungslagen oder [...] aktuellen wirtschaftlichen Verwertungsinteressen' (27) getragene Bedingungen, die zur Bewahrung oder Beseitigung von Kunstwerken führen können.

 

Die exemplarische Analyse einer bildkünstlerischen Konzeption für eine Stadtneugründung unternimmt in einem zweiten Text (28ff.) der Politikwissenschaftler Peer Pasternack, der sich mit der Gründung und der Geschichte von Halle-Neustadt auseinandersetzt. [ 4 ] Von den bemerkenswert vielen Kunstwerken, die von 1964 bis 1989 in der Wohnstadt der Chemiearbeiter entstanden, sind eine große Zahl erhalten, die eine Reflexion der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen möglich machen. Der Text klärt die Vielfalt der Themen und Formen auf, die sich dem politischen Diktat häufig entzogen und erläutert Beziehungssysteme innerhalb der Kunstpolitik.

Insgesamt ist die Publikation eine erste breiter angelegte, bildlich dominierte Bestandsaufnahme der baubezogenen Kunst der DDR und kann dem aufmerksamen Nutzer eine Fülle von Informationen und Details vermitteln. Sie verhilft der DDR-Moderne zu einer neuen Wertschätzung. Maleschka gehört mit seiner heterogenen Sammlung baubezogener Kunstwerke zu den 'Pionieren für die Entwicklung eines neuen Blicks'. So bezeichnet der Kunsthistoriker Arnold Bartetzky Künstler, die mit ihren Arbeiten an der Architektur der DDR 'schutzwürdige, ästhetischen Qualitäten' sichtbar machen. [ 5 ]


Anmerkungen :

[ 1 ] Vgl. das nach wie vor zum Thema gültige Überblickswerk von Peter Guth: Wände der Verheißung. Zur Geschichte der architekturbezogenen Kunst in der DDR, Leipzig 1995.

[ 2 ] Thomas Danzl: Architekturoberflächen der Ostmoderne als Aufgabe der Restaurierungswissenschaften. Formen der Forschung und des Umgangs, in: Denkmal Ost-Moderne II, hg. von Mark Escherich, Berlin 2016, 144.

[ 3 ] Thomas Topfstedt: Baubezogene Kunst in der DDR - das Beispiel Leipzig, in: Kunst am Bau als Erbe des geteilten Deutschlands. 2. Werkstattgespräch: Zum Umgang mit architekturbezogener Kunst der DDR, bearb. von Marie Neumüllers / Ute Chibidziura, Berlin 2008, 7-19.

[ 4 ] Peer Pasternack: 50 Jahre Streitfall Halle-Neustadt. Idee und Experiment. Lebensort und Provokation, Halle/S. 2014.

[ 5 ] Arnold Bartetzky: Einst dezimiert - heute begehrt? Der Wandel im Umgang mit dem Bauerbe der DDR, in: Kunstforum International 263 (2019), 124.