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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Nörenberg, Agata
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch, English, Polski
      Editor (Monograph)
      • Haslinger, Peter
      • Bamberger-Stemmann, Sabine
      • Tönsmeyer, Tatjana
      Title
      Auf beiden Seiten der Barrikade
      Subtitle
      Fotografie und Kriegsberichterstattung im Warschauer Aufstand 1944
      Year of publication
      2018
      Place of publication
      Marburg
      Publisher
      Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung
      Number of pages
      264
      ISBN
      978-3-87969-420-4
      Subject classification
      History of journalism, media and communication, Military History
      Time classification
      20th century → 1940 - 1949
      Regional classification
      Europe → Eastern Europe → East-Central Europe → Poland
      Subject headings
      Warschauer Aufstand <1944>
      Kriegsberichterstattung
      Bildpublizistik
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2020/03/34169.html
      recensio.net-ID
      75a78b2b274c40a4b71d9ae1d983d603
      DOI
      10.15463/rec.888933478
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Peter Haslinger / Sabine Bamberger-Stemmann / Tatjana Tönsmeyer (eds.): Auf beiden Seiten der Barrikade. Fotografie und Kriegsberichterstattung im Warschauer Aufstand 1944 (reviewed by Agata Nörenberg)

sehepunkte 20 (2020), Nr. 3

Peter Haslinger / Sabine Bamberger-Stemmann / Tatjana Tönsmeyer (Hgg.): Auf beiden Seiten der Barrikade

Anlässlich des 70. Jahrestags des Warschauer Aufstands von 1944 wurde 2014 eine Ausstellung zur medialen Verwertung des Aufstands in Hamburg, Marburg und weiteren Städten gezeigt. Den Kuratoren war es dabei ein Anliegen, "[n]icht die historische Erklärung, nicht die militärische Analyse oder gar eine politische Bewertung der Erhebung" in den Fokus zu stellen, sondern "die Erzählung über den Aufstand in der offiziellen Kriegsberichterstattung auf beiden Seiten" zu beleuchten (139). So zeigt die Ausstellung umfangreiches Bildmaterial der polnischen Aufstandspresse und Fotografen der Heimatarmee und der deutschen Presse sowie von Fotografen der Propagandakompanien der SS und der Wehrmacht. Ergänzt werden die Fotografien um Presseerzeugnisse, aber auch um Plakate und Flugblätter, die die Praxis der bildgestützten Kriegsberichterstattung zeigen, sowie auch um Dokumente, die einen tieferen Einblick in die Bildproduktion oder in die Zuständigkeiten innerhalb der jeweiligen Propagandaabteilungen gewähren. Der zweite Teil des dazu gehörigen und hier vorgestellten Ausstellungskatalogs dokumentiert die Konzeption und Umsetzung der Ausstellung.

Der erste Teil des Bandes ist der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Ausstellungsthema gewidmet. Rund ein Dutzend renommierte Historiker/innen und Medienwissenschaftler/innen behandeln hier ein breites thematisches Spektrum. Die Texte, die jeweils in deutscher, polnischer und englischer Version vorliegen, wechseln zwischen teils überblicksartigen, teils vertiefenden Darstellungen historischer Hintergründe (zur deutschen Besatzung in Polen oder zur polnischen Untergrundpresse im Aufstand) und theoretisch angelegten Texten zu medien- bzw. bildwissenschaftlichen Aspekten (zum Beispiel "Kriegsberichterstattung und Fotografie - einige grundlegende Beobachtungen"). Hier öffnet sich ein interdisziplinärer Zugang zur Ausstellungskonzeption, von dem Historiker/innen wie Medienwissenschaftler/innen gleichermaßen profitieren können.

So bieten zum Beispiel die Beiträge von Włodzimierz Borodziej und Adam Krzemiński Einblicke in den Umgang mit dem Warschauer Aufstand nach dessen Niederschlagung sowie in die vielschichtige Erinnerungskultur. Borodziej bewertet den Aufstand als "Erinnerungsort par excellence, zugleich sakralisiert und umstritten" (25), und stellt die unterschiedlichen Formen des "Nachlebens des Warschauer Aufstands" vor. Die Erinnerung an den Aufstand oszillierte dabei zwischen Kitsch (Jan Komasas Film "Miasto' 44" von 2014), Lügen (Kollaborationsvorwürfe des kommunistischen Regimes), Kunst (Andrzej Wajdas Film "Der Kanal" von 1957), Versöhnung (die Rede Roman Herzogs am 1. August 1994 in Warschau) sowie moderner Geschichtspolitik (Museum des Warschauer Aufstands). Er kommt zu dem Schluss, dass die Erinnerung an den Aufstand von jeder Generation neu interpretiert werde und daher der heutige - durchaus kritisch zu betrachtende - Umgang mit dem Aufstand nicht endgültig sei. Krzemiński verweist in einem Überblick über die polnische Erinnerungskultur auf die Abwesenheit des Aufstands im europäischen Geschichtsbewusstsein und verdeutlicht damit die Asymmetrie zwischen Polen und Deutschland im Umgang mit dem Erbe der Aufständischen. Während Polen diesen Erinnerungsort trotz aller politischen Auseinandersetzungen der vergangenen Jahrzehnte sorgfältig pflegt, erscheint er in Deutschland trotz einer gewissen medialen Präsenz marginalisiert. Die Auftritte deutscher Politiker bei Gedenkfeiern nach 1989 vermochten diese Lücke zwar teilweise zu schließen, doch - wie eine Konferenz zur Wahrnehmung des Aufstands in Deutschland und Polen ergab [ 1 ] - erscheint die Erinnerung an den Aufstand in Deutschland nach wie vor marginal, was Krzemiński allerdings nicht erwähnt.

Thorsten Logge geht in seinem Beitrag zu den Fotografien aus dem Warschauer Aufstand auf den kritischen Umgang mit diesem besonderen Quellenmaterial ein. Problematisch erscheint ihm dabei die unmittelbare Realitätsnähe der Fotografie, die "einen unkritischen Blick auf die dargestellten Inhalte" befördere. Hierin liege auch die Wirkmächtigkeit dieses Mediums, denn es zeige "vermeintlich und unmittelbar das, was passiert ist" (76). Daher seien auch stets der Bezugsrahmen sowie der Entstehungszusammenhang der Fotografie und ihrer Publikation mit zu berücksichtigen, gebe es doch keine objektive Wahrheit über den Aufstand: "Es gibt aber zahlreiche parallel existierende Erzählungen zum Warschauer Aufstand, die für Einzelne, Gruppen oder Nationen identitätsstiftende oder identitäre Bedeutungen haben und die - insbesondere zu Jahrestagen und in politischen Kontexten - immer wieder neu verhandelt werden" (77).

Somit erscheint die Fotografie im Zusammenhang mit dem Aufstand als eine zwar wertvolle sowie reiche historische Quelle für die Erzählung bestimmter Aspekte, doch ist sie nicht minder komplex in ihrer Entstehung und ihrem Bezugsrahmen und muss daher stets kritisch hinterfragt werden. So vermag der Katalog nicht nur ein breites thematisches Spektrum zur Vertiefung des innovativen Ausstellungsthemas zu eröffnen, sondern auch auf die Chancen und Risiken der Fotografie als historischer Quelle zu verweisen und zu weiteren Überlegungen und Forschungen anzuregen. Hier wäre zum Beispiel an Alltagsperspektiven privater Fotografien zu denken, da diese im Rahmen der Erinnerung an den Aufstand tendenziell in den Hintergrund geraten. Es wäre wünschenswert, wenn diese Ausstellung an weiteren Orten gezeigt würde, vermittelt sie doch nicht nur interessante und zum Teil unbekannte Einblicke in den Aufstand, sondern setzt sich auch mit einem Medium auseinander, das insbesondere in der heutigen Zeit angesichts einer medialen Bilderflut vielerlei Manipulationen und einer sich wandelnden Wahrnehmung unterworfen ist.


Anmerkung :

[ 1 ] Agata Nörenberg: Der Warschauer Aufstand 1944. Forschung und öffentliche Wahrnehmung in Polen und Deutschland [Tagungsbericht], in: H-Soz-Kult, 27.07.2017, URL: https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7266 (01.07.2019).