You are here: Home / Reviews / Journals / sehepunkte / 20 (2020) / 03 / Delights of Harmony
Social Media Buttons fb twitter twitter twitter
  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Acquavella-Rauch, Stefanie
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch
      Editor (Monograph)
      • Unseld, Melanie
      Title
      Delights of Harmony
      Subtitle
      James Gillray als Karikaturist der englischen Musikkultur um 1800
      Year of publication
      2017
      Place of publication
      Köln / Weimar / Wien
      Publisher
      Böhlau
      Number of pages
      149
      ISBN
      978-3-412-50789-3
      Subject classification
      Music History, Social and Cultural History
      Time classification
      Modern age until 1900 → 18th century, Modern age until 1900 → 19th century
      Regional classification
      Europe → Western Europe → Great Britain
      Subject headings
      Großbritannien
      Gillray, James
      Karikatur
      Musik
      Musikleben
      Musikalische Ikonographie
      Geschichte 1790-1810
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2020/03/30132.html
      recensio.net-ID
      cbf10e84593b4d76a1669784a48455a8
      DOI
      10.15463/rec.888933385
  • Citation rules

  • Terms of licence

    • This article may be downloaded and/or used within the private copying exemption. Any further use without permission of the rights owner shall be subject to legal licences (§§ 44a-63a UrhG / German Copyright Act).

Melanie Unseld (ed.): Delights of Harmony. James Gillray als Karikaturist der englischen Musikkultur um 1800 (reviewed by Stefanie Acquavella-Rauch)

sehepunkte 20 (2020), Nr. 3

Melanie Unseld (Hg.): Delights of Harmony

Die Verschränkung des Genres der englischen Karikatur mit den verschiedenen Ebenen des alltäglichen, politischen und künstlerischen Lebens ist nicht erst seit Gisela Vetter-Liebenows Katalog aus Anlass der Niedersächsischen Landesausstellung 2014 "Als die Royals aus Hannover kamen" im Hannover'schen Wilhelm Busch Museum untersucht worden. [ 1 ] Dass gerade Protagonisten wie James Gillray dabei bisher allerdings vor allem in der englischsprachigen Welt in den Blick genommen wurden, während es in der deutschsprachigen Forschung seit den 1970er-Jahren ruhig blieb, verwundert angesichts der hohen Vielfalt an in den Karikaturen verhandelten Themen doch sehr. Umso relevanter ist daher auch vorliegende Publikation einzuschätzen, die eine mehrschichtige (und längst überfällige) Untersuchung eben dieses Phänomens durch die Brille der Musikwissenschaft darstellt.

Dabei handelt es sich bei dem Band um mehr als 'nur' um ein musikbezogenes Porträt Gillrays: Auf 152 Seiten präsentiert die Herausgeberin Melanie Unseld im Verein mit den fünf Beitragenden Evelyn Buyken, Jonas Traudes, Elisabeth Reda, Clemens Kreuzfeldt und Maren Bagge in Anwendung aktueller musikbiografischer und interdisziplinärer Ansätze einen innovativen Zugang zu verschiedenen gesellschaftlichen Aspekten englischer Musikkultur um 1800, zu dem Gillrays karikaturistisches Schaffen gleichsam als Schlüssel fungiert. Die Autoren und Autorinnen widmen sich denn auch ausgehend davon unterschiedlichen "übergreifende[n] Themen: Harmonie und Zank, Geschlechterdiskurs und Gesellschaftskritik, Vereinskultur und Familienleben" (Klappentext).

In einer Art Standortbestimmung des untersuchten Materials nähert sich Melanie Unseld im eröffnenden Text des Buches aus musikwissenschaftlicher Perspektive dem Genre der "Karikatur in England um 1800" (8f.) und ordnet das insgesamt in den Blick genommene Schaffen Gillrays musikkulturell ein. Dabei fächert sie diverse Aspekte auf, die im weiteren Verlauf des Bandes einer genaueren Betrachtung unterzogen werden: Genderbezogenes, Musikästhetisches, Medienwissenschaftliches und unterschiedliche Ausprägungen des Musizierpraktischen in der englischen Gesellschaft um 1800.

Die Frage, "wie kritisch und progressiv die Bildinhalte der Karikaturen James Gillrays tatsächlich sind und was oder wen sie überhaupt kritisieren" (19), beantwortet Evelyn Buyken in ihrem gut recherchierten Artikel über die dreischichtige Analyse dreier Karikaturen gleich in zweierlei Hinsicht: zum einen über die "Kluft zwischen amateurhafter und professioneller Musikkultur" (24) und zum anderen im Hinblick auf "Geschlechterzuschreibungen" (24). Sie arbeitet heraus, dass Gillray offenbar vielmehr auf eine Kritik an der musikalischen Amateurkultur abzielte, auch wenn er genderspezifische Themen auf seinen Karikaturen verhandelte.

Jene Amateurkultur bietet auch den Hintergrund für zwei weitere Beiträge: für die terminologisch-ästhetisch orientierte Studie von Jonas Traudes (35-49) und für die musiksoziologische Beobachtung von Clemens Kreutzfeldt (89-108). Zwischen beide eingeschoben ist die medienwissenschaftlich-terminologische Untersuchung von Elisabeth Reda zur Sichtbarkeit von Musik in Bildern (73-88). Dabei bezieht sie Christian Kadens "Vielheit der Musiken" (76) ebenso in ihre Überlegungen ein wie den aktuellen Materialitätsdiskurs (77-79) und Fragen zu Medienwechseln und -transfers (79-80), die sie letztlich wiederum auf Gillrays Karikaturen zurückführt und überträgt. Dass diese grundlegenden - und überzeugenden - Ausführungen Redas, die damit gleichsam das medientheoretische Fundament des gesamten Bandes formuliert, nicht an zweiter Stelle abgedruckt wurden, verwundert etwas und stellt den Aufbau des Buches leicht in Frage.

Ähnlich wie Elisabeth Buyken und Clemens Kreutzfeldt verfolgt auch Jonas Traudes einen quellenzentrierten Ansatz. In seinem Text geht er dem in zeitgenössischen Quellen zahlreich begegnenden Begriff der 'harmony' nach und untersucht ihn als kulturgeschichtliche Folie für das Verständnis der Karikaturen Gillrays. Traudes' Analyse gerade jener Szenen, die die Musizierpraxis im häuslichen Raum zwischen Liebe und Ehe, Kunstsinn und Moral ironisch nachzeichnen, zeigt Gillrays Auseinandersetzung und sein Vertrautsein sowohl mit zeitgenössischen Theorien wie Lavaters Physiognomik als auch mit aufgeklärten philosophischen Konzepten (38-43).

Clemens Kreutzfeldts Beitrag offenbart die Möglichkeiten, die dem interdisziplinären Ansatz des gesamten Buches innewohnen, indem er gleichsam sezierend verschiedene wortsprachliche Quellen zur Anacreontic Society neben Gillrays Karikaturen legt. Eine musiksoziologisch-musikkulturelle Einordnung der Musikvereinigung inklusive einer gesellschaftlichen Analyse kann dann aus einer gewissen Zweidimensionalität heraustreten, wenn Informationen aus ikonografischen Quellen adäquat kontextualisiert beigefügt werden.

Dieses zeigt Kreutzfeldt genauso anschaulich wie Maren Bagge, die in ihrem den Band abschließenden Text Gillrays Karikaturen von Sängerinnen untersucht. Mit Hilfe von Netzwerkstudien (111-118), Darstellungsanalysen (etwa 119), aktuellen Ergebnissen der Gesangsforschung (120, 123) und zeitgeschichtlichen Einordnungen zeichnet Bagge Gillrays "Einblicke in die (vokalen) Musikpraktiken seiner Zeit" (124) nach und führt damit den inhaltlichen Teil der Publikation zu Ende. Dass es leider keinen Beitrag zum Themenfeld der Darstellung instrumentaler Solisten und Solistinnen bei Gillray gibt, verbleibt ein inhaltliches Desiderat des auf äußerst hohem Niveau geplanten und strukturierten Bandes.

Genauso überzeugend und umfassend wie der methodische Zugriff und dessen inhaltliche Umsetzung ist auch der Band selbst gestaltet: Sogleich fallen das im ersten Moment ungewöhnlich wirkende zweispaltige Querformat und die schöne Titelgestaltung ins Auge. Der positive Eindruck verfestigt sich schnell sowohl in Bezug auf Bindung, Papier, Druck und Layout als auch auf die Qualität der zwischen Seite 50 und 72 zu findenden, teils in schwarz-weiß und teils in Farbe gehaltenen Faksimiles. Dass die Abdruckreihenfolge der Karikaturen dabei unbegründet bleibt, dem Band kein Vorwort voran- und kein Register nachgestellt wird, kann angesichts der ausführlichen Verzeichnisse der Abbildungen, der verwendeten Literatur und der Autoren und Autorinnen vernachlässigt werden.


Anmerkung :

[ 1 ] Gisela Vetter-Liebenow (Hg.): Königliches Theater! Britische Karikaturen aus der Zeit der Personalunion und der Gegenwart, Hannover 2014.