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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Vallen, Nino
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch
      Author (Monograph)
      • Kohlert, Manuel
      Title
      Ideale Balance
      Subtitle
      Die politische Ökonomie der Emotionen während der spanischen Expansion
      Year of publication
      2019
      Place of publication
      Frankfurt am Main ; New York
      Publisher
      Campus
      Series
      Campus Historische Studien
      Series (vol.)
      78
      Number of pages
      544
      ISBN
      978-3-593-51122-1
      Subject classification
      Political History, Social and Cultural History
      Time classification
      Middle Ages → 15th century, Modern age until 1900 → 16th century, Modern age until 1900 → 17th century
      Regional classification
      Europe → Southern Europe → Spain, America → Central America, America → South America
      Subject headings
      Spanien
      Gefühl
      Eroberung Lateinamerikas
      Kulturkontakt
      Geschichte 1492-1647
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2020/03/33237.html
      recensio.net-ID
      6871e83bbb604a2792b2b28b038f99a3
      DOI
      10.15463/rec.888933418
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Manuel Kohlert: Ideale Balance. Die politische Ökonomie der Emotionen während der spanischen Expansion (reviewed by Nino Vallen)

sehepunkte 20 (2020), Nr. 3

Manuel Kohlert: Ideale Balance

Emotionen sind in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus der Kolonialforschung gerückt. Gerade im Moment, in dem der 500. Jahrestag des Beginns der Eroberung Mexikos erneut emotionale Debatten entfacht, leistet Manuel Kohlert mit seinem Buch einen aktuellen Beitrag zu diesem wachsenden Forschungsfeld. Den Ausgangspunkt der Arbeit, die 2018 als Dissertation an der Humboldt-Universität zu Berlin vorgelegt wurde, bildet die sogenannte "schwarze Legende" ( leyenda negra ), nach der die spanische Expansion von Gewalttaten und einer Furchtherrschaft geprägt gewesen sei. Kohlert betont, dass die Spanier teilweise selbst Anlass für derartige Diffamierungen seitens der Engländer, Niederländer und Franzosen gegeben hatten. Denn Emotionen und die mit ihnen verknüpften politischen Konzepte der Habgier, Furcht, Tyrannei und des Hasses, so Kohlert, seien ein fundamentaler Bestandteil der innerspanischen Diskussionen über den Kontakt der Kulturen und die Expansion in Übersee gewesen.

 

In der umfangreichen Studie werden solche Emotionen aus sozialkonstruktivistischer Perspektive als Teil eines "symbolischen Systems sozialer Beziehungen" (28) betrachtet. Aufbauend auf Barbara Rosenweins Konzept der emotional communities wird untersucht, wie konkurrierende Gemeinschaften, ihrerseits geprägt von eigenen emotionellen Regimes, zum Bedeutungswandel bestimmter Emotionen und ihrer Rollen im sozialen und politischen Leben beigetragen haben. Um die Dynamiken dieser Konflikte sichtbar zu machen, bezieht sich der Autor auf das von dem schottischen Philosophen Francis Hutcheson (1694-1746) entwickelte Konzept der Ökonomie der Emotionen. Kohlert definiert diese politische Ökonomie als eine nach "bestimmten Vorstellungen und Vorgaben normierte Ordnung von Emotionen im individuellen und gemeinschaftlichen Leben," in dem, Hutchesons Idealbild zufolge, unter Individuen sowie in der Gesellschaft als Ganzes ein emotionelles Gleichgewicht angestrebt wird (34). Der Autor zeigt an einem breiten Panorama von gedruckten Reiseberichten, Briefen, Chroniken, Gesetzen und Bildern, wie das Ideal der emotionalen Balance zum Gegenstand von Bewertung und Diskurs im Kontext von Expansion und Kulturkontakt avancierte.

Das Buch ist in drei chronologisch geordnete Teile gegliedert, wobei jeder Teil auf seine eigene Art und Weise die Spannungen zwischen dem Normativen und der Praxis untersucht. Das erste Kapitel beleuchtet die (rechts-)theoretischen Grundlagen des mittelalterlichen Verständnisses von Emotionen sowie dessen Verhältnis zur Politik. Daraufhin wird im zweiten Kapitel der Blick auf die Berichte von Christopher Kolumbus und anderen Entdeckern gerichtet, in denen diese Normen zur Bewertung von Emotionen wie Gier, Freude, Liebe und Furcht und zu ihrer Instrumentalisierung führten.

Die drei Kapitel des zweiten Teils verschieben den Fokus von den Entdeckungen vor 1513 auf die Eroberung von Mexiko und die darauffolgenden Diskussionen, die ihren Höhepunkt während der 1540er und 1550er Jahre erreichten. Das dritte Kapitel beschreibt, wie in dem sogenannten requerimiento - einem von den spanischen Eroberern benutzten Rechtsdokument - die Ideen von Liebe und Furcht angewandt wurden, um die Unterwerfung indigener Völker zu legitimieren und das Verhalten der Spanier normativ zu kontrollieren. Die zwei daran anschließenden Kapitel behandeln den Konflikt zwischen den Befürwortern und Gegnern dieses normativen Rahmens. Die zwei emotionalen Gemeinschaften, die Kohlert hier einander gegenüberstellt, bestehen zum einen aus spanischen Eroberern und Gelehrten, die sich der Sprache der Emotionen zur Sicherstellung der eigenen Führungsrolle oder der Belohnungs- und Herrschaftsansprüche bedienten. Zum anderen erkennt er in den Schriften des Schiffbrüchigen Álvar Núñez Cabeza de Vaca und insbesondere des Dominikanermönches Bartolomé de las Casas eine Kritik an der von den Eroberern verteidigten Idee, das koloniale Projekt auf dem Konzept der Furcht fundieren zu müssen. Hierfür wurde die Liebe als Herrschaftsideal näher betrachtet. Las Casas' Umgang mit der emotionalen Disposition der Indigenen als thematischer Schwerpunkt des fünften Kapitels zeigt auf, wie der Mönch die Möglichkeit eines friedlichen Eintritts in die christliche Gemeinschaft verfocht.

Das sechste Kapitel, das als einziges den dritten Teil ausmacht, untersucht schließlich die Auswirkungen dieser Diskussionen auf die sich verändernde Gesetzgebung und Praktiken des Kulturkontaktes nach 1573. In seinem Zentrum stehen dabei die Ordenanzas de descubrimiento, nueva población y pacificación de las Indias . Kohlert argumentiert hier, dass durch diese neuen Gesetze die Ordnung der requerimientos ersetzt worden sei, "die Zwang und Gewalt zur Unterwerfung der Eingeborenen offiziell und allgemein gültig verwarf" (391). Das Kapitel demonstriert, wie dieser normative Wandel einerseits die Praktiken des Kulturkontaktes beeinflusste und anderseits wie die innerspanische Debatte über die politische Ökonomie der Emotionen weitergeführt wurde. Das Gesetz habe neue Kritiken ausgelöst, die dem Autor zufolge als eine Apologie des Terrors verstanden werden können.

Durch die Akzentuierung des Aufeinandertreffens von Europäern und Nicht-Europäern leistet Ideale Balance einen wichtigen Beitrag zur Emotionsgeschichte. Das Buch erkundet auf Grundlage einer beeindruckenden Vielfalt an Quellen ein dichtes Netz von rechtlichen, politischen, medizinischen und kosmographischen Ideen, die die emotionalen Sprachen spanischer Akteure und ihre Bedeutung für den Kulturkontakt geprägt haben. Darüber hinaus zeigt es durch zahlreiche Beispiele, wie diese Sprache verschiedene strategische Zwecke erfüllen konnte. Ändern diese Einblicke in die Emotionsgeschichte unser allgemeines Verständnis von der spanischen Expansion in Übersee? Vermutlich eher nicht. Dafür spielen in Kohlerts Quellenkorpus kanonische Rechtstexte, Chroniken der Eroberung und Traktate eine zu große Rolle. Obwohl der Autor neues Licht auf die Rolle der emotionalen Sprache wirft, ändert dies doch wenig an den dichotomen Positionen, mit welchen Historikerinnen und Historiker, die sich mit der spanischen Expansion auseinandersetzen, schon seit langem vertraut sind. Man könnte sich sogar fragen, ob denn nicht eine thematische Ordnung des Buches logischer gewesen wäre, anstatt das traditionelle Narrativ vom sich entwickelnden kolonialen Gesetz zu wiederholen.

Etwas problematisch ist ebenfalls das Wiederkehren alter und bereits stark kritisierter Vorstellungen des Eroberungsprozesses. Diese kommen beispielsweise in den Auseinandersetzungen mit der Furcht zum Vorschein, in welche die Indigenen mittels des gezielten Einsatzes von Pferden, Hunden und Artillerie versetzt worden sein sollen. Obwohl spanische Autoren das gerne behaupteten, hat die rezente Historiographie gezeigt, dass die Indigenen sich schnell an dieses Novum gewöhnt hatten. Jüngere Kritiken am benutzten Textkorpus und dessen verzerrender Wirkung auf die eigentlichen Dynamiken der Expansion hätten in dieser Arbeit ausführlicher betont werden können. Gleichzeitig wäre es - gerade weil das Buch eher die für ein europäisches Publikum produzierten Normen- und Legitimationsdiskurse untersucht - vielleicht sinnvoll gewesen, den Emotionen, die diese Texte beim Lesen hervorrufen sollten, mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Trotz dieser Beobachtungen ist Ideale Balance eine spannende Studie, die einen weiteren Beitrag zum Überbrücken der Lücke zwischen der Emotionsgeschichte und europäischer Expansion leistet.