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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Pfeilschifter, Rene
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Français
      Editor (Monograph)
      • Destephen, Sylvain
      • Dumézil, Bruno
      • Inglebert, Hervé
      Title
      Le prince chrétien
      Subtitle
      De Constantin aux royautés barbares (IVe-VIIIe siècle)
      Year of publication
      2018
      Place of publication
      Paris
      Publisher
      Association des Amis du Centre d'Histoire et Civilisation de Byzance
      Series
      Travaux et Mémoires du Centre de Recherche d'Histoire et Civilisation de Byzance. Monographies
      Series (vol.)
      22, 2
      Number of pages
      XXXII, 608
      ISBN
      978-2-916716-66-4
      Subject classification
      History of religion, Political History, Social and Cultural History
      Time classification
      until 499 AD → 1st - 5th century AD, Middle Ages → 6th - 12th century
      Regional classification
      Europe, Ancient World, Ancient World → South Eastern Europe, Byzantine Empire / ancient, Ancient World → Roman Empire
      Subject headings
      Spätantike
      Mittelalter
      Herrscher
      Christentum
      Geschichte 300-800
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2020/06/33065.html
      recensio.net-ID
      782b8f20bf5244d88fe48db268417131
      DOI
      10.15463/rec.633656829
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Sylvain Destephen / Bruno Dumézil / Hervé Inglebert (eds.): Le prince chrétien. De Constantin aux royautés barbares (IVe-VIIIe siècle) (reviewed by Rene Pfeilschifter)

sehepunkte 20 (2020), Nr. 6

Sylvain Destephen / Bruno Dumézil / Hervé Inglebert : Le prince chrétien de Constantin aux royautés barbares (IV-VIIIe siècle)

Die Verchristlichung der Mittelmeerwelt und der angrenzenden Regionen ist das bedeutendste Charakteristikum der Spätantike. Wie das Herrschertum sich dabei veränderte, steht seit jeher im Blickpunkt der Forschung - wegen der Quellenlage, wegen Konstantins Entscheidung für die neue Religion und natürlich ganz allgemein wegen der Auswirkungen von Regierungshandeln auf eine Gesellschaft. Ein Band über den 'christlichen Fürsten', also ohne Einengung auf eine bestimmte Person oder eine bestimmte Spielart von Herrschertum, ist also sehr willkommen.

Wer sich einen systematischen Vergleich zwischen Kaiser, germanischen Königen und anderen Herrschern der antiken und frühmittelalterlichen Welt erwartet hat, wird allerdings enttäuscht. Einen komparativen Ansatz verfolgen weder die einzelnen Beiträge für sich - dazu wären zugegeben nur wenige Wissenschaftler imstande -, noch werden Aufsätze mit parallelem Analyseinteresse zum Reich, zu den Westgoten, zu Georgien etc. nebeneinandergestellt. Tatsächlich folgen 24 Artikel (zuzüglich Einleitung und Schluss) in oft lockerer Assoziation aufeinander, die verschiedene Herrscher, Aspekte oder Quellengattungen behandeln. Das verbindende Element ist lediglich, dass es um christliche Herrscher geht. Häufig, aber durchaus nicht immer konzentrieren sich die Aufsätze darauf, ob das Christentum einen oder den wesentlichen Unterschied ausmachte. Die deutliche Mehrzahl der Beiträge beschäftigt sich mit dem Kaiser, auch die Regenten der germanischen Nachfolgereiche im Westen erhalten mit meist einem Artikel eine gewisse Aufmerksamkeit. Die Fürsten an der Peripherie des östlichen Reiches bleiben ausgeblendet, mit Ausnahme eines Aufsatzes zu Aksum.

Der Band ist repräsentativ aufgemacht, er glänzt, im Sinne des Wortes, mit schönen und hochwertigen Abbildungen, und es finden sich nur wenige Druckfehler. Angesichts der thematischen Streuung ist der Ertrag des Bandes im Ganzen aber übersichtlich. Dass die Verchristlichung des Herrschertums einen allmählichen und langsamen Prozess darstellte und dass es den christlichen Herrscher nicht gab, stellt jedenfalls keinen wesentlichen Forschungsfortschritt dar. Wie so oft bei Sammelbänden, sind die einzelnen Teile mehr als die Summe des Ganzen.

Die ausführlichen englischen Abstracts der Aufsätze, die den Band beschließen, sind dankenswerterweise online bei academia.edu verfügbar. Das enthebt mich der Pflicht, die Artikel hier im Einzelnen zu referieren. Ich beschränke mich daher auf kurze Bemerkungen zu denjenigen Beiträgen, die mir am ehesten die Forschung voranzubringen scheinen.

Simon Corcoran gibt einen nützlichen Überblick über die Veränderungen in Anlage, Stil und Nomenklatur bei offiziellen, vor allem kaiserlichen Inschriften. Cécile Morrison leistet das gleiche für die Münzbilder und das Aufkommen christlicher Elemente in ihnen. Avshalom Laniado analysiert auf fast fünfzig Seiten die kaiserliche Gesetzgebung zur Prostitution bis in die spätbyzantinische Zeit. Er vermag zu zeigen, dass der Einfluss von Bischöfen und Konzilien gering blieb. Christliche Moralvorstellungen spielten natürlich eine Rolle, aber oft versuchten die Maßnahmen, nicht viel anders als heute, die Sichtbarkeit von Prostitution zu treffen, nicht diese selbst. Die Ausführungen über den Verkehr einzelner Kaiser mit Prostituierten bleiben notgedrungen anekdotisch.

Auf diese Aufsätze, die das big picture in den Blick nehmen, folgen Studien mit engeren Perspektiven. Für Sébastien Morlet war Konstantin als Theologe im Wesentlichen ein Geschöpf Eusebs von Kaisareia. Das passt gut zu dem, was wir sonst über Konstantin und sein sehr eigenes Christentum wissen. Morlet vermag seine These durch eine detaillierte Textuntersuchung plausibel zu machen. Bruno Bleckmann ergänzt seine Arbeiten zu Konstantin und insbesondere seine große Philostorgiosausgabe um eine konzentrierte Analyse der positiven Zeichnung Constantius' II. bei diesem Kirchenhistoriker. Vincent Puech betont, dass Rituale um den Kaiser nur wenig verchristlicht wurden. Bei Herrschaftsantritt, Siegesfeiern und sogar Begräbnissen blieb der staatlich-römische Hintergrund bestimmend. Céline Martin weist für das Toledanische Reich auf die Ähnlichkeit zwischen König und Bischöfen in Selbststilisierung, Symbolik, Nomenklatur und Aufgaben hin - zumindest für Historiker des Kaiserreichs eine verblüffende Demonstration.

Sylvain Destephen argumentiert, dass Kaiser nur selten Pilgerreisen unternahmen. Im vierten Jahrhundert motivierte das Christentum zunächst nur kurze Abstecher auf vor allem militärisch bedingten Reisen. Erst Theodosius I. unternahm, in Nachfolge Julians (!), Reisen mit religiösem Hauptzweck. Diese blieben aber letztlich und auch in Zukunft auf Konstantinopel und Umgebung beschränkt, bedingt durch den Rückzug des Kaisertums an den Bosporos. Nur Theodosius II. und Justinian führten Reliquieneinholungen, Kloster- und Kirchenbesuche tiefer nach Kleinasien hinein. Es ist mir nicht recht klargeworden, warum Destephen auch Prozessionen innerhalb Konstantinopels betrachtet. Insgesamt vermag sein Aufsatz aber den häufig bemerkten Umstand, dass vor Herakleios nie ein Kaiser Jerusalem besuchte, aus einer neuen Perspektive zu beleuchten.

Am Beispiel von Whitby in Northumbria zeigt Alban Gautier die fundamentale Funktion von Klöstern für die Legitimierung christlichen Königtums auf. Hier wäre eine ergänzende Analyse durch andere Beiträge besonders wertvoll gewesen. Es drängt sich nämlich die Vermutung auf, dass der Kontinuitätsabbruch durch die angelsächsische Invasion reibungsfreier als auf dem Kontinent die Ausbildung typisch mittelalterlicher Strukturen erlaubte. Rita Lizzi Testa unternimmt eine nützliche aktuelle Umschau über bezeugte und archäologisch erschlossene Tempel und Synagogen aus Konstantins Zeit. Umberto Roberto argumentiert für einen fortdauernden Einfluss von paganen Gruppen am weströmischen Hof in dessen letzten Jahrzehnten. Ich bin mir nicht sicher, ob Roberto hier nicht kulturelle Praktiken wie Horoskope und philosophische Betätigung zu schnell an religiöse Überzeugungen und politische Agenda bindet. Federico Montinaro weist auf die interessante (und bislang weitgehend ignorierte) Aufnahme des alten hellenistischen euergetes in die kaiserliche Titulatur unter Justin II. hin.

Für Konrad Vössing lässt sich, gegen die Forschung, bei den vandalischen Königen kein Euergetismus nach hellenistisch-kaiserlicher Art nachweisen. Das Fehlen jeglicher Bezeugung in Inschriften oder Geschichtswerken ist in der Tat bemerkenswert. Erhebliche und meiner Meinung nach gänzlich überzeugende Durchschlagskraft gewinnt Vössings Argumentation aber dadurch, dass er sie auf grundsätzliche Bemerkungen zu unseren einzigen Quellen aufbaut, einigen Lobepigrammen auf vandalische Könige. Seine kategoriale Analyse führt die Erforschung der Panegyrik auch methodisch weiter.

Der Band bietet also viele interessante Einblicke und Analysen. Bei der Lektüre ist freilich ein Umstand schwer zu übersehen. Nicht wenige Autoren nehmen von der Forschung der letzten Jahrzehnte nur zur Kenntnis, was in Englisch oder ihrer eigenen Sprache geschrieben wurde. Und wenn in den Fußnoten doch einmal etwas genannt wird, bleibt es eben bei der Erwähnung. Eine inhaltliche Auseinandersetzung findet kaum statt. Dieses (natürlich nicht nur hier auftretende) Phänomen hat sicher auch mit der Menge des Neuerscheinenden zu tun. Aber was bedeutet es eigentlich für die Zukunft der sich gerne als international ansehenden Altertumswissenschaften? Ich habe den Band etwas nachdenklich aus der Hand gelegt.